Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

Englisches Essen und traditionelles Craftbier

Autor: Andreas

Andreas Stebner und Sam Harvey – ein Brauer, ein Koch, zwei Geschichten und viele Ideen. Und die beiden können mehr als Bier und Burger.

Die zwei B: Bier und Burger. Klar, Burger gibt es schon lange. Bier erst recht. Beide haben jedoch einen neuen Klang. Weg von der Industrie- und Massenproduktion – hin zu Craftbieren und schicken Burgerbrätern.

Craft heißt eigentlich nur handwerklich. Hört sich aber hipper an. Dass ein leckerer Burger nicht mehr nur das Nebenprodukt der Würstchenbude ist, um das zu erkunden, muss man natürlich nicht nach Wolfenbüttel fahren. In Berlin oder München gibt es den Trend seit einiger Zeit. Und dennoch: Hier fällt er auf einen anderen Boden, entwickelt sich unterschiedlich. Jeder gute Wein hat sein »Terroir«. Und die Food-Szene in einer kleinen niedersächsischen Stadt wächst anders als im Großstadtkiez. Das wird mir auf dem Weg nach Sickte klar. Sickte ist ein Dorf im Landkreis Wolfenbüttel. Ich bin dort mit Stebi verabredet. Stebi ist Andreas Stebner, ihr kennt ihn vielleicht schon aus diesem Blogbeitrag vom Mai 2016. Und auf dem Altstadtfest im August hatte er eine Premiere. Jedenfalls mit des Deutschen liebstem Getränk – nach Kaffee.

Andreas Stebner hatte vor einem Jahr, nebenberuflich, angefangen Feinkost herzustellen. Damit war er bereits auf dem Radar von aboutcities. Und nun ist aus dem Hersteller von Saucen ein Brauer geworden.

Ein Braukessel für Stebners Privatbrauerei

Noch wird in Sickte gebraut. Bald geht es in die Lessingstadt.

Alte Brautraditionen beleben

Noch ist die »Brauerei« im Umfeld der Stadt angesiedelt. Aber: »Wir werden auch bald in Wolfenbüttel unser Craftbier herstellen«, verrät der Neubrauer. Während des Studiums hatte sich Andreas Stebner im Internethandel geübt. Danach kam der Beruf bei einem großen Finanzdienstleister. Geblieben war die Lust auf Handarbeit. Und Genuss.

Aus einer gesundheitlichen Krise entstanden zunächst die Saucen. Und nun vor einem Jahr wurde der Traum vom eigenen Bier Wirklichkeit. Wenn man daran zurückdenkt, wie beim vergangenen Stadtfest die Bierfässer in den Schankwagen von Andreas Stebner und André Volke, seinem neuen Geschäftspartner, gerollt wurden, reibt man sich verwundert die Augen.

Das erste Wolfenbütteler Bier seit fast hundert Jahren, wird in einem Garten hergestellt. Damals, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde an der Stelle des heutigen Leibnizhauses noch das »Wolfenbütteler Gold« gebraut. Der letzte Lessingstädter Gerstensaft. Heute reicht ein größeres Gartenhäuschen für die Wiederbelebung der stolzen Brautradition. Die Szenerie erinnert an die Garage von Steve Jobs …

Andreas Stebner mit der Superkraft …

Andreas Stebner mit der Superkraft …

Bier und Identität

Dabei will Andreas Stebner keinen Weltkonzern gründen. Während er mit einem Maßbecher Malz in einen Gärbottich schaufelt, träumt er aber schon ein bisschen: »Bier hat eine Menge mit Identität zu tun. Und Wolfenbüttel ist eine Stadt mit so viel Charakter, dass ein eigenes Bier definitiv fehlt.« Gerade weil er nicht gebürtig aus der Lessingstadt stamme, sei ihm dies so deutlich geworden. Heute setzt er ein Weizenbier an. Sortenvielfalt und die Möglichkeit, auf besondere Wünsche der Bierliebhaber einzugehen, das sei die Chance eines solchen Projektes, gibt Stebi zu bedenken. »Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass ich ganz unbedarft von außen auf das Thema Bierbrauen gekommen bin. Damit hatte ich von vornherein keine Grenzen im Kopf, die sich oft durch Tradition und Gewohnheit ergeben«, zeigt er sich nachdenklich.

Tatsächlich dürfte der Gerstensaft wirklich dem Zufall geschuldet sein.

Historiker gehen davon aus, dass das erste Bier durch eine Spontanvergärung bei der Brotherstellung entstanden ist. Der Schöpfer des Männergetränks, eine Frau?

Das erste Wolfenbütteler Weizen ist angesetzt

Das erste Wolfenbütteler Weizen ist angesetzt.

Der »halbe« Engländer

Dieser Gedanke könnte Sam Harvey gefallen. Denn Klischees mag er nicht.

Bier und Burger. Er steht in Wolfenbüttel für den Burger und für eine unkonventionelle Küche. Mit Sam treffe ich mich in der »Augusta«. Eine echte Bierkneipe in Wolfenbüttel, zu der ich schon als Abiturient gepilgert bin. Zur Stärkung gibt es eine Kleinigkeit zu essen. Gute, ehrliche Küche. Sauerfleisch mit Bratkartoffeln oder Currywurst. Sam und ich sitzen noch draußen. Und während ich mein Sauerfleisch genieße, erzählt mir der ruhig wirkende Koch seine Geschichte. Zufall? Gibt es den überhaupt? Die Ereignisse: Sams Mutter ist anglophil. Sie zieht es deshalb als junge Frau auf die Insel. Dort lernt sie Sams Vater kennen.

Der wird als Soldat nach Deutschland versetzt. Und zwar genau dahin, wo sie herstammt: nach Wolfenbüttel. Hier wächst Sam auf. Ein echter Wolfenbütteler also, der es sich gar nicht so recht vorstellen kann, jemals aus dem kleinen Städtchen wegzuziehen. Wenn man mit ihm durch die Stadt schlendert, geht es nur zäh fließend weiter: Denn alle zehn Sekunden, gefühlt, trifft er einen guten Bekannten. Er ist einer, der zum kommunalen Inventar gehört.

Sam Harvey gehört zum kommunalen Inventar in Wolfenbüttel

Sam Harvey gehört zum kommunalen Inventar.

Eigene Wege

So wie Stebi, ist Sam ein Selfmademan. Einen Zinnteller zum vierzigsten Firmenjubiläum wird er nicht bekommen. Sam ist ein spontaner Mensch, der Bauch und Herz die Wahl treffen lässt. Auch, was den Lebensweg angeht. In der Lessingstadt, in der er in die Schule gegangen ist, lernte er Einzelhandelskaufmann, verkaufte Versicherungen. Aber damit wurde Sam wenig glücklich. »Es war eine nicht geplante Entscheidung zu kochen«, berichtet er. Essen war sowieso eine Leidenschaft. Und Ausprobieren, Gestalten und für Menschen da zu sein, das war ein Traum. Ein verrückter, wie er rückblickend einräumt. So wie Stebis erster Sud, eröffnete Sam in einem Wolfenbütteler Irish Pub seine erste Küche. Ohne jede Erfahrung. »Da habe ich mich total übernommen«, erzählt er verschmitzt lächelnd bei einem Glas Bier. Das Experiment endete mit einem halben Burn-out. Sam setzte aus und fing wieder an. Bei einem Wolfenbütteler Küchenchef lernte er die Essentials des Berufes und macht die besten Burger der Stadt. Schnell ist auch ein Name für das Projekt klar: Börgerbüro. Dabei lernt er so gut, dass er inzwischen Restaurantangebote bekommt. Aber stattdessen zieht es ihn zurück in den Irish Pub. In einer Shop-in-Shop-Lösung macht er sich in Kürze in dem Bierlokal mit seiner Küche selbstständig. Demnächst, Anfang November, geht es los. Der Name »Börgerbüro« bleibt.

Die Küche des neuen Börgerbüros in Wolfenbüttel

Die Küche des neuen Börgerbüros.

Neue Ideen

Ein paar Wochen später. Wir treffen uns zum Frühstück. Inzwischen ist es kalt geworden. Was will man Ende Oktober erwarten? Sam ist mit dem Umzug in den Irish-Pub fast fertig. Einige Küchengeräte fehlen. Aber sein Herd, an dem steht er schon. »Hier kommt noch meine Ordnung rein. Mein Kontaktgrill fehlt. Und es kann bald losgehen«, freut er sich, während er Bratwürste in der Pfanne wendet. Natürlich hat er nicht irgendwelche, die Bestandteil seines »Full English Breakfasts« werden. So wie die Bohnen und der Speck kommen sie direkt von der Insel. Stebi will heute das Weizen, was er vor ein paar Wochen angesetzt hatte, mitbringen. Dazu den neuen Geschäftspartner, mit dem er weitere Projekte in der Lessingstadt stemmen wird, dazu Thorsten von Jailhouse Cooking, ein Freund von Sam und ich. Es ist Samstag. Alle waren wir vorher auf dem Markt. Nun wird englisch gefrühstückt. Denn Sam will neben den legendären Burgern noch andere Spezialitäten aus der Heimat seines Vaters im Irish Pub anbieten. Und Wolfenbüttel? Wolfenbüttel darf gespannt sein.

Auf neue Ideen: Andre Volke, Sam Harvey und Andreas Stebner.

Auf neue Ideen: Andre Volke, Sam Harvey und Andreas Stebner.

Stebi und Sam sind zwei, die sich verstehen. Ideen werden beim leckeren Weizen ausgetauscht. Die großen B – Bier und Burger passen eben bestens zusammen.

Sams »Full English Breakfast«

Sams »Full English Breakfast«

Links zu den genannten Betrieben: Das Börgerbüro findet Ihr bei Facebook. Hier geht es zu Stebis Webseite: Stebners Privatbrauerei und die »Augusta« könnt Ihr hier online besuchen. Andreas Stebner bietet auch Braukurse und Biertasting-Events an. Bei Interesse einfach mal anfragen.

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