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Kurzweilig und köstlich – Herzogin Elisabeth lädt ein

Autor: Lorina

Gespannte Stille. Auf die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg sind zahlreiche Augenpaare gerichtet. Konzentriert studiert sie ein Buch. Aus der Ferne nähern sich aufgeregte Schritte, energisch tritt die Tochter der Kurfürstin, Herzogin Elisabeth, durch die Tür.  (Ja, Mutter und Tochter tragen den gleichen Vornamen – lasst euch hiervon nicht verwirren 😉 ) Aufgeregt berichtet sie ihrer Mutter von dem Brief, den sie soeben erhalten hat – ein Schreiben von Martin Luther höchstpersönlich.

 

Kurfürstin Elisabeth (c) Giel

Bürgermeisterfrau Ilsabe Hüpeden, Kurfürstin Eliasbeth von Brandenburg und ihre Tochter Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Calenberg-Göttingen (von rechts) (c) Hann. Münden Marketing

Dies ist allerdings nicht der Beginn eines höfischen Renaissance-Romans, sondern der Auftakt eines besonderen Stadtführungsevents. Wir befinden uns im Gemach „Zum Weißen Ross“ im Hann. Mündener Welfenschloss und werden gerade Zeuge einer Unterhaltung zwischen Herzogin Elisabeth von Brandenburg (durch Hochzeit Herzogin von Braunschweig-Calenberg-Göttingen), der wohl bedeutendsten Mündenerin, und ihrer Mutter, die im Jahre 1548 so oder so ähnlich stattgefunden haben könnte. Zwischen Mutter und Tochter, die beide zu den Befürworterinnen der Reformation zählten, entspinnt sich ein lebhafter, aber auch nachdenklicher Dialog über die Lehren Luthers und  die zu erwartenden Folgen der Reformation.

Nach einem kräftigen Applaus der Teilnehmer verlassen die beiden höfischen Damen das Gemach. Die Zuschauer bleiben zurück, sind allerdings in bester Gesellschaft: Die Bürgermeisterfrau Ilsabe Hüpeden begleitet uns durch den Nachmittag und rundet das Schauspiel mit Informationen über das Erlebte ab. Elisabeth von Brandenburg (1510 – 1558) kam nach Hann. Münden, nachdem sie 1525 im Alter von 14 Jahren mit dem 40 Jahre älteren Herzog Erich I. von Braunschweig-Calenberg-Göttingen verheiratet worden war. Mit Luthers Ansichten wurde sie 1527 bei einem Besuch bei ihrer Mutter, die sich als Anhängerin des Reformators zu erkennen gab,  in Brandenburg konfrontiert. Wie wir weiter hören, brachte ihr Bekenntnis zu den Lutherschen Lehren Elisabeths Mutter allerdings in Bedrängnis – ihr streng katholischer Ehemann drohte ihr deshalb sogar Gefangenschaft an, was Elisabeths Mutter zur Flucht vom heimischen Hofe bewegte. Nach einem persönlichen Treffen zwischen Luther und Herzogin Elisabeth entwickelte sich eine Brieffreundschaft zwischen den beiden. Auch kleine Geschenke wurden ausgetauscht: Elisabeth sendete Käse aus Münden, Martin Luther und seine Frau Katharina bedankten sich mit Feigen- und Maulbeerbaumsetzlingen.

Die flächendeckenden Wandmalereien, die im Schlossgemach zu sehen sind, gab es zu Elisabeths Zeit in Münden noch nicht. Diese lies ihr Sohn Erich II. anfertigen, nachdem er ähnliche Malereien in Italien gesehen hatte. Die Motive hier zeugen von blutigen Geschichten aus dem Alten Testament. Es gibt im Welfenschloss übrigens mit dem Römergemach noch ein weiteres Renaissancegemach mit bedeutenden Wandmalereien.

 

Gemach „Zum weißen Ross“ im Mündener Welfenschloss (c) Giel

 

Mit Bürgermeisterfrau Ilsabe Hüpeden geht es weiter durch die Stadt zu reformationsrelevanten Orten. Vor dem Welfenschloss blüht passenderweise gerade die Elisabeth-Rose, die 2010 anlässlich des 500. Geburtstages der Herzogin gepflanzt wurde. Einen Halt machen wir unter anderem auch in der St. Blasius-Kirche, die an diesem herrlichen Sommertag mit ihrer angenehmen Kühle einlädt. Hier wird mit einer Tafel auch Antonius Corvinus gedacht, dem Berater und Landessuperintendenten Elisabeths.

Elisabeth Rose – gepflanzt 2010 zum 500. Geburtstag der Herzogin (c) Giel

Bürgermeisterfrau Ilsabe Hüpeden führt durch den Nachmittag (c) Giel

 

St. Blasius Kirche Hann. Münden (c) Hann. Münden Marketing, Fotograf: Heitmann

 

Nach 1,5 interessanten Stunden sind wir am Rathaus angekommen, zum Abschluss folgt nun noch ein besonderes Highlight. Zum einen treffen wir hier Elisabeth und ihre Mutter wieder, zum anderen erwartet uns ein leckeres Abendmahl. Der Raum ist festlich geschmückt, die Tische sind mit Leinentischdecken und Rosenblütenblättern dekoriert. Für jeden Gast steht ein rustikaler Tonkrug bereit, auf den Tellern liegt jeweils die Kopie eines Briefes von Martin Luther bzw. Herzogin Elisabeth an den jeweils anderen. Eine Harfenspielerin begleitet den Abend mit Musik aus der Renaissance. Als Einstimmung auf das bevorstehende Essen verlesen die drei Gastgeberinnen noch, wie die 24 Ratsherren im Jahr 1603 hier in der Ratsstube gefeiert hatten. Beim damaligen  Festmahl wurden 40 Kilo Rindfleisch, 7 Gänse und Hühner, 15 Pfund Lachs, 6 Neunaugen (in früheren Zeiten beliebter, aal-ähnlicher Speisefisch) und 1,5 Zentner (entspricht rund 75 Kilo) Esskastanien, Weiß- und Roggenbrot aufgetischt. Dazu ließen sich die Ratsherren pro Person (!) etwa 5 Liter Wein und 10 Liter Bier servieren. Das Bier enthielt damals allerdings weniger Alkohol als heute. Ich bekomme trotzdem nur vom Zuhören fast schon Bauchschmerzen 😉  Als wenige Augenblicke später unsere Mahlzeiten serviert werden, staunen wir aber auch nicht schlecht: In mittelalterlichen Holzmollen werden allerlei Köstlichkeiten serviert, darunter Braten, Spieße, Kraut, Rüben und Erdäpfel.

Rathaus mit Schmuckfassade im Stil der Weserrenaissance (c) Giel

Liebevoll dekorierte Festtafel (c) Giel

Lecker aufgetischt – Holzmolle mit Braten, Spießen, Kraut und Rübli (c) Giel

 

Zum Ende muss ich euch aber noch vom weiteren Schicksal Elisabeths berichten: Erich I., Ehemann von Herzogin Elisabeth und Vater ihrer vier Kinder, stand ihrem neuen Glauben recht tolerant gegenüber. Nachdem ihr Mann verstorben war, übernahm Elisabeth die Herrschaft in Vertretung für ihren noch minderjährigen Sohn. Als Erich II. (auch hier wurde der Name vom Vater an den Sohn weiter gegeben 😉 ) volljährig geworden war und die Regierung im Herzogtum Braunschweig-Calenberg-Göttingen übernommen hatte, kam es zu einem Bruch mit seiner Mutter. Er setzte alles daran, die von seiner Mutter eingeführte Reformation rückgängig zu machen. Ihren Berater Antonius Corvinus, der gleichzeitig Erichs Lehrer gewesen war, lies er gefangen nehmen. Elisabeth heiratete noch einmal – nämlich Graf Poppo von Henneberg, den jüngeren Bruder ihres Schwiegersohnes. 1553 wurde sie aus Münden vertrieben und wurde nach einem Aufenthalt in Hannover in Ilmenau ansässig. Zur Hochzeit ihrer jüngsten Tochter, die Erich II. mit einem katholischen Grafen verheiratete, wollte Elisabeth nach Münden kommen – jedoch hatte ihr der Sohn absichtlich ein falsches Datum genannt. Die Hochzeit war dementsprechend längst vollzogen worden.

Heute  abend weilt Elisabeth, in Gesellschaft ihrer Mutter und der Bürgermeisterfrau, allerdings mit bester Laune in Hann. Münden und genießt mit ihren Gästen das leckere Mahl aus der Schlossküche.

Im Laufe der nächsten Wochen werden, anlässlich des Reformationsjubiläums noch weitere Veranstaltungen mit Bezug zu Herzogin Elisabeth und ihrer Familie stattfinden:

25. August, ab 17 Uhr: Geburtstagsfeier für Herzogin Elisabeth (Führung durch die Gemächer, festliche Geburtstagsmusik, Filmvorführung, herzögliche Verköstiung – Tickets erhältlich in der Buchhandlung Winnemuth / Photo Burkhardt)

27.August, 14.30 Uhr: „Männer und Frauen sind gleich viel wert !???“…sprach Martin Luther – Elisabeths Sohn, Herzog Erich II. und seine Frau Sidonia führen im (Streit-)Gespräch durch die Stadt

17. September, 14.30 Uhr: Stadtführung und herzögliche Kaffeetafel mit Bürgermeisterfrau Ilsabe Hüpeden, Kurfürstin Elisabeth und Herzogin Elisabeth

 

Karten für die Stadtführung am 27. August und 17. September sind in der Tourist-Information Hann. Münden erhältlich (Rathaus/Lotzestr. 2, 34346 Hann. Münden, 05541-75313, info@hann.muenden-erlebnisregion.de).

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