Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

Eine niedersächsische Grenzerfahrung

Autor: Lorina

Freitagnachmittag. Feierabend. Die kalte Winterluft dringt in meine Lunge, aber die Wintersonne strahlt vom Himmel. Perfektes Wetter für mein Vorhaben! Das führt mich heute hinaus aus der Hann. Mündener Altstadt und später sogar hinaus aus Niedersachsen. Ich möchte heute die Tillyschanze erklimmen – eines der Wahrzeichen Hann. Mündens.

Der Tillyschanzenturm

Der Tillyschanzenturm (c) Giel

Über den sogenannten Zick-Zack-Weg führt die kleine Wanderung in die Ausläufer des Reinhardswaldes. Die Tillyschanze ist schon seit über 100 Jahren ein beliebtes Ausflugsziel für Mündener Bürger und Besucher. Erbaut wurde sie zwischen 1881 und 1885 – die Finanzierung erfolgte dabei durch Spenden und den Erlös einer Lotterie. Steil hinauf führt der Zick-Zack-Weg während das Laub unter meinen Füßen raschelt. Kein Wunder, die Tillyschanze erhielt ihren Namen in Anlehnung an Graf Tilly, der Hann. Münden im 30-jährigen Krieg eroberte und an Pfingsten 1626 mit 24.000 Soldaten in die Stadt mit damals gerade einmal 4.500 Einwohnern einfiel. Neueste Erkenntnisse zeigen zwar, dass Graf Johann T’Serclaes von Tilly hier offenbar nie Kanonen positioniert hatte, um Hann. Münden zu beschießen, aber der Ort, an dem die Tillyschanze heute steht, als Beobachtungspunkt genutzt worden sein könnte. Beobachten kann man von hier tatsächlich sehr gut, die winterkargen Bäume ermöglichen auf dem Weg nach oben einen immer besseren Blick auf die Altstadt.

 

Etwa 30 Minuten sollte man für den Weg aus der Innenstadt Hann. Mündens einplanen. Oben angekommen lasse ich meinen Blick schweifen, über den Schiffsanleger am Weserstein, die Mühlenbrücke zur Altstadt, das Welfenschloss und den Fährenpfortenturm. Ich gönne mir aber nur eine kurze Pause, schließlich will ich noch die 150 Stufen im Aussichtsturm erklimmen. Hierzu muss ich mich nun auf ungewohntes Terrain begeben und zu den hessischen Nachbarn vordringen. Der Aussichtsturm steht nur wenige Meter von der hessisch-niedersächsischen Grenze entfernt, die zugehörige Gaststätte, in der ich mich für die Turmbesichtigung anmelde und meinen Eintritt (2,- Euro für Erwachsene / 0,60 Euro für Kinder) entrichte, steht bereits in Hessen.

Blick von Hessen auf den Tillyschanzenturm

Blick von Hessen auf den Tillyschanzenturm in Niedersachsen (c) Giel

Der Forstgutsbezirk Reinhardswald, in dem sich die Waldgaststätte befindet, ist flächenmäßig sogar Hessens zweitgrößte Gemeinde. Einwohner gibt es allerding nur zwei – das Gastwirtspaar, das die Gaststätte betreibt. Bei Bundes- und Landtagswahlen liegt die Wahlbeteiligung hier aber immerhin bei 100 Prozent – das kann kaum eine andere Gemeinde von sich behaupten. Zum Wahlgang weichen die beiden einzigen Bewohner des Bezirks allerdings ins hessische Reinhardshagen aus, ansonsten würde das Wahlgeheimnis verletzt. Zufahrtstraßen und Versorgungsleitungen hat die Stadt Hann. Münden eingerichtet, auch wenn sie hierzu nicht verpflichtet gewesen wäre. Wer sich vor dem Turmaufstieg stärken möchte, hat in der urigen Gaststätte natürlich die Gelegenheit dazu. Der Tillyschanzen-Teller mit Käse, Sülze, „Ahler Worscht“, Reinhardswälder Schinken, Brot, Butter, Gurke und 0,02 cl Tillyschanzen-Korn erweckt die Lebensgeister wieder.

Über eine Wendeltreppe geht es nach oben auf den Aussichtsturm, von dem aus ich Reinhardswald, Bramwald, Kaufunger Wald und die Stadt Hann. Münden auf mich wirken lasse.

 

Oben angekommen wird der Besuche rmit einem herrlichen Ausblick belohnt (c) Giel

Oben angekommen wird der Besuche rmit einem herrlichen Ausblick belohnt (c) Giel

 

Im Sommer kann im unteren Turmzimmer sogar standesamtlich geheiratet werden. Im oberen Turmzimmer befindet sich ein Relief des Mündener Bildhauers Gustav Eberlein, das die Belagerung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg zeigt.

Erst im Winter letzten Jahres bekamen Tillyschanze und die zugehörige Gaststätte eine eigene Postanschrift (Bierweg 1, 34346 Hann. Münden). Zuvor musste das Gastwirtspaar seine Post an ein Postfach zustellen lassen und hatte die Fantasieadresse Tillyschanze 1, 00000 Forst. Reinhardswald im Fahrzeugschein stehen, da der Bezirk bei der Vergabe der 5-stelligen Postleitzahlen vergessen wurde.

Auf Wunsch sind Führungen mit Graf Tilly höchstpersönlich möglich, die beim Erlebnisregion Hann. Münden e. V. gebucht werden können. Im Sommer finden hier unter dem Motto „Rock am Turm“ Konzerte statt und wer möchte kann das Jahr 2017 sogar hoch über den Dächern Hann. Mündens auf der Tillyschanze beginnen. Am 28. Januar 2017 wird hier das traditionelle Wildschweingrillen der Schutz- und Fördergemeinschaft Tillyschanze e. V. stattfinden. Unweit von hier startet übrigens auch der Weserbergland-Wanderweg.

Der Ausflug auf die Tillyschanze eignet sich sowohl im Sommer als auch im Winter für eine kleine Wanderung. Achtung geboten ist allerdings bei Schnee und Eis, dann kann der steile Weg rutschig werden. Für mich ist es nun langsam Zeit, wieder nach Niedersachsen aufzubrechen, nachdem ich mich in der hessischen Gaststätte verabschiedet habe. Diese hessisch-niedersächsische Grenzerfahrung mit den kuriosen Details über die Probleme, die das Leben an der Grenze mit sich bringt, werde ich sicher in Erinnerung behalten.

Ein letzter Blick auf den über 100 Jahre alten Tillyschanzenturm

Ein letzter Blick auf den über 100 Jahre alten Tillyschanzenturm (c) Giel

Türklopfer an der Tillyschanze

Türklopfer an der Tillyschanze (c) Giel

Im Winter können Turm und Gaststätte freitags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr besucht werden. Im Sommer ist ein Besuch von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr möglich.

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