Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

New York liegt auch an der Weser

Autor: Dörte

Zugegeben, wer beim Stichwort „New York“ an die weltberühmte Skyline denkt und diese nun auch in Bremerhaven erwartet, den muss ich enttäuschen. Aber: Man kann auch heute sehr wohl Amerika in Bremerhaven entdecken. Und genau darum geht’s in diesem Beitrag.

Denn Bremerhaven und Amerika – speziell die Ostküste – verbindet schon von den ersten Tagen der jungen Stadt so einiges: So lief das Vollschiff „Draper“ am 12. September 1830, also wenige Tage nach der Stadtgründung, als erstes Schiff in den sogenannten „Alten Hafen ein“. Die „Draper“ kam aus Baltimore, im US-Bundesstaat Maryland, wohin in den Folgejahren viele Europäer auswanderten. Dazu gibt es am Alten Hafen eine schön gestaltete Gedenktafel. Über Hoffen und Schmerzen der Auswanderungszeit aber auch das Wachstum der Stadt Bremerhaven informiert seit 2005 höchst anschaulich das Deutsche Auswandererhaus.

Meine erste Erinnerung aber an Amerika in Bremerhaven ist sehr genüsslich: Sie hat mit unglaublich leckerem Eis zu tun. Und dicken Hamburgern zum Selberbauen. Und, naja, diesem Sportplatz:

Wird auch in 2015 wieder das ameikanische Paradies: Phillips-Field in Lehe. Foto: Dörte Behrmann

Wird auch in 2015 wieder das ameikanische Paradies: Phillips-Field in Lehe. Foto: Dörte Behrmann

Das sogenannte „Phillips-Field“ in der Melchior-Schwoon-Straße (Lehe) verwandelte sich in meiner Kindheit und Jugend im Sommer immer zu „Klein-Amerika“: Eine süße Bimmelbahn zog um den Platz, zahlreiche Buden waren aufgebaut, in denen man bis dato völlig unbekannte Dinge essen konnte. Es gab einen runden Swimmingpool samt Brett, auf dem ein nasses und zitterndes junges Mädchen im Bikini saß. Ich meine mich zu erinnern, dass man ihr sogar eine Freude machte, wenn man voller Wucht mit einem bereitliegenden Ball auf eine Schaltfläche traf, um sie wieder ins Wasser zu befördern. Und es gab Musik! Für ein junges Mädchen wie mich waren völlig unbekannte Klänge zu hören und ich sehnte nach dem ersten Besuch dieses „Deutsch-Amerikanischem Freundschaftsfestes“ – das muss Anfang der 1970’er gewesen sein –  immer den Sommer herbei. 1992 fand dieser „Ami-Markt“, wie wir ihn schnell nannten, das letzte Mal statt.

Doch seit dem 4. Juli 2014 existiert die Idee einer Wiederauflage und mittlerweile gibt es sogar ein rühriges Organisationsteam, dass Mittel und Wege sucht, um die guten Erinnerungen an Eis, Hamburger, Musik, Donkball und das Glücksspiel „Chuck-a-luck“ wieder zu beleben. Merkt euch also den 3. bis 5. Juli 2015, um echtes Amerika in Bremerhaven zu finden.

Und wenn ihr dann schon mal da seid, lohnt sich eine Fahrt durch die Stadt zu den anderen Plätzen, an denen Amerika in Bremerhaven auch heute noch präsent ist. Denn lange nach der expandierten Fracht-Verbindung zwischen Bremerhaven und Amerika, in der die ab 1830 anwachsende Auswanderungsbewegung an die amerikanische Ostküste eine große Rolle spielte, gab es auch eine militärische Verbindung: Von 1945 bis 1993 gehörte Bremerhaven zur amerikanischen Besatzungszone in Deutschland. Eigentlich bekamen die Amerikaner ja im Süden Deutschlands ihren Anteil als Siegermacht, aber sie brauchten eben auch einen Seeanschluss für ihre Truppen. Und somit wurde inmitten eines englisch-besetzten Deutschlands Bremerhaven eine amerikanische Enklave.

Nicht nur für Amerikaner oder Seemänner zugänglich: der Seamans-Club. Foto: Dörte Behrmann

Nicht nur für Amerikaner oder Seemänner zugänglich: der Seamans-Club. Foto: Dörte Behrmann

Einen Teil dieses Armeelebens kann man auch heute noch sehen: So ist nur einen Steinwurf vom Phillips-Field entfernt der „Seamans Club“ in der Fritz-Reuter-Straße 18. Ein wenig nach hinten gestellt sieht das Gebäude ziemlich unspektakulär aus. Dagegen sollen die Steaks sagenhaft lecker und vor allem riesig sein. Ich bin dort noch nie gewesen und kann das daher nicht bestätigen, aber auf Bewertungsportalen fand ich jetzt entsprechende bestätigende Hinweise. Zu Armee-Zeiten soll es auch heiße Partys dort gegeben haben, wie dieser Beitrag hier unter anderem erzählt. Heutzutage ist der Club montags geschlossen aber sonst täglich von 17 bis 22 Uhr geöffnet. Bei meinem Fototermin weist schon ein riesiger BBQ-Grill im Biergarten auf die bevorstehende genussvolle Freiluftsaison hin. Mein Tipp: Einen Tisch reservieren und einfach mal ausprobieren!

Bis heute Treffpunkt der Amerika-Freunde: Hotel Metropol. Foto: Dörte Behrmann

Bis heute Treffpunkt der Amerika-Freunde: Hotel Metropol. Foto: Dörte Behrmann

Nur wenige Schritte weiter die Straße hoch bis zur Gabelung mit der Potsdamer Straße muss gehen, wer einen andere amerikanische Institution aus Besatzerzeiten sehen will: Das Hotel Metropol. Auch dort bin ich bis zu meinem Fototermin vorher nie gewesen, denn das leicht heruntergekommene Haus im Jugendstil-Design liegt inmitten des früheren und heutigen Vergnügungsviertels. Wer vor dem Haus steht, in dem früher wohl wilde Partys gefeiert wurden, der bekommt eine Ahnung, wie das eine Etablissement das andere befeuert hat. Das Metropol mitten im Stadtteil Lehe ist eines der ganz wenigen Überbleibseln einer Zeit, in der Clubs und Discotheken den Lebensstil von Amerikanern und Deutschen geprägt haben, wie dieser Beitrag es so schön wiedergibt. Noch heute ist der dort ansässige Verein „Metropol & Friends“ aktiv, der sich um den Erhalt der amerikanischen Kultur in der Seestadt kümmert.

Noch heute sichtbar amerikanisch: "Ami-Siedlung". Foto: Dörte Behrmann

Noch heute sichtbar amerikanisch: „Ami-Siedlung“. Foto: Dörte Behrmann

Zugänglicher als das Vergnügungsviertel waren da schon die Wohngebiete der Amerikaner: Setzt euch ins Auto und fahrt mal vom Hotel Metropol über die Rickmersstraße, die Hafenstraße und die Lange Straße in die Wurster Straße, um dann rechts in die Straße „Kleiner Blink“ abzubiegen. Durch das architektonisch geschlossene Bild der dort stehenden Wohnhäuser lässt sich heute noch der typisch-amerikanische „way of live“ der Soldaten und ihrer Familien nachspüren. Ganz besonders ist mir dies am Carl-Schurz-Platz aufgefallen, dessen Wohnhäuser ihr oben seht. Der Platz selber ist nach einem deutschen Auswanderer benannt, der 1829 bei Köln geboren, 1852 via Bremerhaven in die USA emigrierte, dort Karriere machte und als U.S. Senator von Missouri 1869 bis 1875 diente. Seine Verdienste zu Lebzeiten, er starb 1906, um die deutsch-amerikanische Freundschaft machten ihn zum Namensgeber dieses Platzes, über den euch eine Gedenkplatte informiert.

Dieser schöne Backsteinbau war immer schon Heilzentrum. Foto: Dörte Behrmann

Dieser schöne Backsteinbau war immer schon Heilzentrum. Foto: Dörte Behrmann

Den Wohnhäusern gegenüber befindet sich eine medizinische Einrichtung, die für das Leben der Soldaten eine hohe Bedeutung hatte: das Amerikanische Hospital. Ob Beinbruch oder innere Verletzungen, ob Kindsgeburt oder Impfung – hier wurden die Amerikaner behandelt. Das 19.000 Quadratmeter-Backsteingebäude beherbergt übrigens heute nach dem Abzug der Amerikaner wieder medizinische Einrichtungen. Und bevor „die Amis“ kamen war es schon ein deutsches Marine-Lazarett.

Bei den Amerikanern ein Gotteshaus, heute ein Museum mit einer einzigartigen Sammlung. Foto: Dörte Behrmann

Bei den Amerikanern ein Gotteshaus, heute ein Museum mit einer einzigartigen Sammlung. Foto: Dörte Behrmann

Ebenfalls nach Carl-Schurz ist auch die wichtigste militärische Einrichtung der Amerikaner in Bremerhaven benannt: die Kaserne. Wer die Langener Landstraße oder die Wurster Straße bis zur Cherbourger Straße fährt, in diese rechts einbiegt und dann lange folgt, der kommt automatisch zum früheren Gelände der Carl-Schurz-Kaserne. Linker Hand ist das „Museum der 50er Jahre“ ausgeschildert, dahin geht es jetzt. Denn wo heute eine bundesweit einzigartige Ausstellung über die Wirtschaftswunderjahre informiert, da war bis 1993 die Militärkirche der Amerikaner, in der sich die Soldaten Beistand geholt haben. Da das Kasernengelände nur für die Amerikaner und die deutschen Zivil-Angestellten zugänglich war, ist ein Besuch früher unmöglich gewesen. Heute kann man ganz frei über das Gelände am Amerikaring 9 flanieren. Das sehenswerte Museum ist übrigens nur sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Gern hätte ich euch auch das Bild eines noch berühmteren Gebäudes gezeigt: das des AFN. Das „American Forces Network“ ist der Sender, den wir damals gern gehört haben – bis 1993 der Schalter umgelegt und der Sendebetrieb beendet wurde. Die Moderatoren waren legendär. Lest hier mehr zur Geschichte des Soldatensenders. Ein Foto des stadtbekannten Hauses mit dem spitzen Giebel gibt es deswegen aber nicht, weil noch heute ein Wachmann aktiv dafür sorgt, dass von der amerikanischen Hoheitszone bis zum heutigen Tage keine Fotos gemacht werden. Ich musste die eben Geknipsten auf seinen Befehl hin sofort wieder löschen. Fahrt also einfach vom Amerikaring 9 durch die Coloradostraße nach rechts ans Ende der Straße und schaut euch das schöne Backsteingebäude an. Nur bitte: Nicht fotografieren!

Typische "Silberlinge" sind ein gewohnter Anblick im Hafen. Foto: Dörte Behrmann

Typische „Silberlinge“ sind ein gewohnter Anblick im Hafen. Foto: Dörte Behrmann

Absolut erlaubt ist die Aussicht auf solche typischen Vertreter des „american way of live“: amerikanische Wohnwagen. Ihr seht sie, wenn ihr der Wurster Straße folgend über die Zollstation in die Überseehäfen fahrt und dann in die Straße „Am Nordhafen“ einbiegt. Dort befindet sich das sogenannte „high and heavy“ Gebiet, in dem alles steht, was aus eigener Kraft nicht selbst auf die Autotransporter fahren kann und bugsiert werden muss. Eine spannende Arbeit, der man bei einer Fahrt mit dem HafenBus noch besser zuschauen kann. Man muss gar nicht so viel Glück haben, um auch einen gelben Schulbus oder einen riesigen amerikanischen Straßenkreuzer zu sehen.

Symbol einer Zeit, als New York den Bremerhavenern näher war als Bremen. Foto: Dörte Behrmann

Symbol einer Zeit, als New York den Bremerhavenern näher war als Bremen. Foto: Dörte Behrmann

Weiter geht’s entlang des Nordhafens und wenn sich die Straße gabelt, fahrt bitte links in die Brückenstraße. Nach einer scharfen Linkskurve seht ihr linker Hand dieses schmucke Gebäude. Hier bitte wieder stoppen. Solltet ihr Hunger haben: Dies ist der perfekte Ort für eine typisch Bremerhavener Mahlzeit. Fisch gibt es hier im „Treffpunkt Kaiserhafen“ – das namengebende Hafenbecken liegt gleich gegenüber – in allen Variationen und für Nicht-Fans von Neptuns Küche natürlich auch ein leckeres Stück Fleisch. „Die letzte Kneipe vor New York“, wie das urige Restaurant in der Seestadt vor allem genannt wird, weist auf die Zeit hin, als Bremerhaven sich selbst als „Vorort von New York“ bezeichnete. Von 1860 bis 1930 war Bremerhaven eher auf die Stadt jenseits des Atlantiks ausgerichtet, denn auf die Schwesterstadt Bremen, von der sie ja 1830 gegründet wurde und abhängig war. Die Bezeichnung war identitätsstiftend und selbst in meinen Kindertagen ging der sehnsuchtsvolle Blick eher Richtung Westen als in den Süden.

In diesem Laden gibt es originale New Yorker Köstlichkeiten. Foto: John Reinhardt

In diesem Laden gibt es originale New Yorker Köstlichkeiten. Foto: John Reinhardt

Aus dem Staat New York kommt übrigens der Besitzer dieses schnuckeligen Ladens in der Pressburger Straße 2, in dem seit Mai 2013 von ihm und seiner Frau nach Original New-Yorker-Rezeptur gebackene Brownies, Cookies und Cheesecakes verkauft werden. In dem wahrscheinlich kleinsten Laden der Seestadt schlägt das amerikanische Herz aktuell am höchsten: Hier wurde am 4. Juli 2014 die Wiederbelebung des „Ami-Marktes“ beschlossen, hier treffen sich all jene, die eine starke Affinität zum „american way of live“ haben. Falls auch ihr dazu gehört: Bis auf montags und sonntags hat das Geschäft von John und Michaela Reinhardt von 10 bis 18 Uhr respektive bis 17 Uhr am Samstag geöffnet.

 

 

Infos zum Ami-Markt vom 3. bis 5. Juli 2015 gibt es hier.
Es werden noch Sponsoren und Helfer gesucht!

Wer mehr lesen möchte über die Amerikaner in Bremerhaven, dem lege ich diese wunderbare zehnteilige Serie von Marco Butzkus mit einer beeindruckenden Bildergalerie unter bremerhaven.de ans Herz: „Die Amerikaner in Bremerhaven„.

Zur Fahrt mit dem HafenBus über das spannende Hafengelände der Überseehäfen gibt es hier die wichtigsten Infos.

Marco Butzkus hat auch ein Buch über Amerikaner in Bremerhaven geschrieben, in dem 16 typische Lebenswege nachgezeichnet werden. Das Buch ist als eBook hier herunterzuladen.

Einblicke in die Welt von Brownies und Cookies liefert diese Website.

5 Kommentare

  1. Liebe Dörte, da werden Kindheitserinnerungen wach – auch bei mir. Komme aus Bonn und da gab’s die „Amisiedlung“ direkt am Rhein mit amerikanischem Club, der selbstverständlich über ein eigenes Schwimmbad, Tennisplätze etc. verfügte und Sonntags ein sagenhaftes Brunchbuffet anbot…Lange bevor dieses „Format“ in der damaligen BRD ankam. Natürlich kam man nur auf Einladung „Eingeweihter“ in den amerikanischen Club – und einmal hatte ich das Glück, wie du siehst: unvergessen. In Bonn ist nicht mehr allzu viel übrig von der Amisiedlung – die meisten Wohnblocks sind noblen Stadtvillen gewichen. Gut zu wissen, dass es für „Kindheiterinnerungen“ in Bremerhaven noch genügend Spielraum gibt.

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  2. Ein sehr spannender Bericht. Wir hatten in Wolfenbüttel zwar nicht die Amerikaner, dafür aber die englische Armee. Beim Lesen wurden wieder die Erinnerungen wach wie es war, wenn einmal im Jahr das große Polo-Turnier auf dem Kasernengelände veranstaltet wurde und es die besten Steaks und die größte Auswahl an Whiskey gab. Das ist alles schon eine Weile her und dieses Jahr wird auf dem ehemaligen Polo-Platz zum zweiten das Festival „STARS@NDR2“ durchgeführt. So kommen wieder viele zu einem Event zusammen und das Kasernengelände von einst ist heute ebenso lebendig, als Campus der Ostfalia Fachhochschule.

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    • Hach, wie nett, liebe Brigitte, lieber Björn,
      dass euch mein Beitrag in die Jugend zurückführt. Schön, dass die besonderen Festivitäten der „Besatzer“ (= Begegnungsorte und -zeiten) nicht nur ganz wichtig für das harmonische Miteinander waren, sondern unserer Generation auch Erinnerungen zum Schwärmen liefern.

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  3. Was für ein schöner Bericht. Er bringt mir meine Jugend zurück. Jedes Wochenende haben wir mit den Amerikanern in der Atlantik Bar gefeiert. Es wurden Freundschaften geschlossen die bis heute halten. Der Amimarkt war ein muss und wir fieberten ihm entgegen. Nochmal danke für den schönen, lebendigen Bericht. Er lässt die tolle Zeit wieder aufleben.

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    • Liebe Sabine,
      Danke für Deine nette Rückmeldung. Ist es nicht fantastisch, dass der Amimarkt nun also in wenigen Wochen ein Auferstehen feiert?

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