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Meese, Richter, Tal R: Wie im Rausch

Autor: Janina

Bunt – ganz viel bunt und durcheinander, dann eher gedeckt und abstrakt, gefolgt von ganz viel bunt. Erschlagen von Farben und Eindrücken weiß man gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. Verwirrung, Verstörung, Verständnis? Ein ziemliches Chaos der Gedanken. Und vielleicht mag es so auch in den Köpfen der Künstler ausgesehen haben, als die Werke entstanden sind.

Nach internationalen Stationen wie Paris, London, Toronto, Amsterdam, Kopenhagen und Wien, treffen sich Jonathan Meese, Daniel Richter und Tal R nun zur Gemeinschaftsausstellung im Kunsthaus Stade.

Erste Eindrücke der Ausstellung „Bavid Dowie“ im Kunsthaus Stade. © Janina Possel

An einem Mittwochabend leitet uns Sabine Allers bei der After-Work-Führung durch die Ausstellung „Bavid Dowie“ im Kunsthaus Stade. Diese Führung ist auch dringend notwendig, denn mein vorheriger Besuch, bei dem ich die Ausstellung auf eigene Faust erkundet habe, hinterließ bei mir einen Eindruck. Ja, einfach nur einen Eindruck. Einen Eindruck, der sich gar nicht beschreiben lässt, da ich das Gesehene nicht deuten konnte – vielleicht auch nicht wollte. Da es mich aber neugierig macht, was hinter diesen Werken steckt, nehme ich nun an einer Führung teil.

Das Besondere an dem Kunsthaus Stade ist, dass man förmlich in die Kunst eintauchen kann. Keine lästigen Sicherheitsabstände und kein Piepen, sondern Kunst zum Greifen nahe. Während der Ausstellung „Bavid Dowie“ ist das eigentlich eher kleine Kunsthaus vollgestopft mit Kunst. Von Malerei bis Skulpturen, von bunt bis schwarz-weiß, Gemeinschaftsprojekte und Einzelwerke. Verantwortlich dafür sind die drei eingangs erwähnten Künstler Daniel Richter, Jonathan Meese und Tal R. Stade ist nach Holstebro (Dänemark) die zweite ihrer drei Stationen. Beendet wird die Ausstellungsserie, die sie auch als „baltische Welttournee“ bezeichnen, in Espoo (Finnland). Entstanden sind die Werke bereits im Voraus, aber auch unmittelbar vor den Eröffnungen in den drei Städten.

Haifisch, Krabbe, Tintenfisch…

Sabine Allers beginnt die Führung im Eingangsbereich an einer 3D-Figur aus Holstebro. Die Skulptur besteht aus Schleichfiguren: ein Haifisch, eine Krabbe und ein Tintenfisch. Die Tiere kommen mir bekannt vor, denn verkleidet als diese werben die Drei für ihre Ausstellung. Nur 47 Exemplare der 3D-Figur werden hergestellt, da der Druck ziemlich zeitintensiv ist. 37 sind bereits fertiggestellt, wobei jede Figur mit anderen Farben, bestimmt von den Künstlern, verziert ist.

Perfekt in Szene gesetzt: Haifisch, Krabbe und Tintenfisch © Hanna Putz

Nach dem vergleichsweise milden Einstieg begeben wir uns in das 1. Stockwerk, wo uns Einzelwerke der Künstler erwarten. Noch geprägt von meinem ersten Besuch versuche ich mich heute auf verschiedenste Interpretationen einzulassen.

Einstieg in die Welt von Meese, Richter und R

Im 1. Stockwerk lernen wir die Künstler vorerst einzeln kennen. Den Anfang macht der dänische Künstler Tal R: Auffällig ist sein offener Blick, den er durch große Formen und gedeckte, warme Farben zeigt. Er lässt sich von Träumen inspirieren und nutzt dessen Freiheit. Für Betrachter bildet er gern eine Grundlage, mit der er ihre Fantasie anregen möchte. Er schafft somit „Türen, die man öffnen muss“. Wir stehen vor einem seiner Gemälde, einem Zelt mit schwarzem Innenraum. Was sich in dem Zelt abspielt, darf also unsere Fantasie bestimmen. Ähnlich ist es bei den Werken seiner Reihe „Keyhole“, bei der er verschiedene Fassaden von Gebäuden aus dem Rotlichtmilieu zeigt. Bilder aus dieser Reihe, aber auch weitere Werke, malt er oftmals einmal in schwarz-weißer und einmal in bunter Ausführung.

Was verbirgt sich im Zelt? Malerei von Tal R, platziert neben einem Werk von Daniel Richter. © Janina Possel

Weiter geht es mit Daniel Richter. Ein Künstler, der abstrakt, aber auch figürlich, kontrolliert, wohl gesetzt und durchdacht arbeitet. Häufig spachtelt er, nutzt dadurch weniger den Pinsel. Während er arbeitet, hört er Musik. Doch trotzdem sagt er, dass es „schön wäre, wenn sich Bilder allein malen würden“. Uns wird erzählt, dass seine bildgebenden Quellen Körper und Landkarten seien. Irgendwie eine ungewöhnliche Kombination, die man nun im Kunsthaus zu sehen bekommt. Irgendwie ungewöhnlich gut.

Den Abschluss des Trios bildet Jonathan Meese. Direkt fällt die Bezeichnung „Skandalkünstler“. Einigen vielleicht vom „Meese-Gruß“, seinem öffentlichen Hitler-Gruß während seines Ein-Mann-Stücks „Generaltanz den Erzschiller“ im Mannheimer Nationaltheater, bekannt, widmen wir uns heute weniger der Kunstfigur, sondern mehr dem Künstler Meese. Er denke nicht über seine Bilder nach, „nimmt Materialien und schmeißt förmlich um sich“. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Und vermutlich sind so auch seine Gedanken. Er selbst behauptet, dass er „gar nicht weiß, ob er Kunst macht“. Er spielt mit Symbolen, mit verschiedensten Farben und Dingen. So ist er auch verantwortlich für viele der skurrilen Teile der Skulpturen in dieser Ausstellung. Diese hätten schlichtweg „Witz“.

Neben diesen Einzelwerken hängen im 1. Stockwerk Portraits der Drei, die sie gegenseitig gemalt haben. Auffällige Merkmale eines jeden werden hierbei besonders hervorgehoben, meist überdimensional gemalt. Lustigerweise fallen zur Skulptur rund um den Meese-Burger (s. Titelbild) keine Worte. Dazu darf sich wohl jeder seinen eigenen Teil denken…

Schlüsselloch, Portraits und Landkarten: Einzelwerke der Künstler. © Janina Possel

Weiter geht die bunte Reise

Im 2. Stockwerk werden wir von großen, bunten Leinwänden und weiteren Skulpturen empfangen. Dieses Mal halten die Künstler ein riesiges Meerestier neben einer Schaufensterpuppe, die mit einem Stofftier des Gemäldes „Der Schrei“ (Munch) verziert ist, für uns bereit. Nach dem eben gehörten erkennt man, welche Elemente von welchem Künstler stammen. Mich so richtig auf die Deutungen der Werke einzulassen, fällt mir immer noch schwer, denn zwei Schritte weiter lauert bereits die nächste Skulptur…

Sieht man auch nicht alle Tage: Plastikbratwurst mit Tütü. © Janina Possel

Eine Treppe führt in das letzte Stockwerk. Schon beim Gang hinauf lässt sich erahnen, was den Besucher erwartet.

Bleibende (bunte) Spuren im Kunsthaus

Auf dem Weg nach oben werden wir bereits von Farbkleksen begleitet. Woher diese stammen, wird schnell klar: Die Bilder der obersten Etage sind unmittelbar vor der Eröffnung der Ausstellung entstanden. Alles wurde fein säuberlich mit Plastikfolien abgedeckt, da sich nun so richtig ausgetobt wurde. Pro Bild geben sich Meese, Richter und Tal R maximal 15 Minuten. Oftmals arbeiten sie zu dritt an einem Bild. Bei der Eröffnung sagen sie, dass jemand etwas „Tolles“ geschaffen hat, aber dann kommt Meese und malt ein Geschlechtsteil darüber. Deshalb und aufgrund der wirren Farben und Formen wirkt diese Etage wie „freie, kindliche Malerei“. Tatsächlich stammt eines der Bilder hier von einem Kind: Die 11-jährige Tochter von Tal R sollte irgendetwas malen. Sie entscheidet sich für einen schwarzen Dämon in Form eines Schlüssellochs. Ein Motiv, das auch ihr Vater oft malt. Mit einer gelben Umrandung „verschönbessert“ Meese das Bild im Anschluss. Jeder bringt bei diesen Bildern seinen eigenen Esprit ein und hat, laut Tal R, „die Chance, nach 50 Jahren Tal R mal auszuprobieren, wie Meese zu malen“. „Kopflos“ und „aus dem Bauch heraus“ sei diese Etage entstanden.

Und Action: Jonathan Meese (links) und Daniel Richter (rechts) schaffen die Werke des 3. Stocks. @ Hanna Putz

Vielleicht könnten die drei Künstler auch anders, wenn sie wollten. Genau so, wie ich die Ausstellung nun mit anderen Augen sehen könnte, wenn ich wollte. Die Führung hat zwar einige Werke in ein anderes Licht gestellt, doch trotzdem werde ich das Schmunzeln nicht los. Manche Bilder sind wirklich tiefgründig, anderen sieht man eher die Freude am Entstehungsprozess an. Ich denke, dass man die Ausstellung – vom Titel bis hin zu den verrückten Skulpturen und 15-Minuten-Malereien – einfach mit einem Augenzwinkern betrachten muss. Ach ja, der Titel: „Bavid Dowie“ war wohl ursprünglich ein Versprecher von Daniel Richter. Doch als Leitfigur der Ausstellung passt er aus meiner Sicht dennoch. Auch er war ein Künstler, der sich selbst zur Kunstfigur gemacht hat, mit Verkleidungen spielte und so in andere Rollen geschlüpft ist. Was aber tatsächlich hinter dem Titel und den Werken steckt, wissen wahrscheinlich nur Meese, Richter und Tal R genau. Künstler sprechen nun mal ungern über ihre Absichten und Gedanken – und wahrscheinlich macht sie genau das so interessant.

Noch bis zum 23. September kann die Ausstellung „Bavid Dowie“ im Kunsthaus Stade besucht werden. Für weitere Informationen geht es hier entlang.

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