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Wie macht man eine Kulturnacht?

Autor: Andreas

Die Wolfenbüttelerinnen und Wolfenbütteler, aber auch Kulturbegeisterte aus der Region müssen nicht mehr lange warten: Am 16. September findet die neunte Kulturnacht statt. Ich spreche mit den Organisatoren hinter dieser schönen Einrichtung: Dagmar Steffenhagen und Björn Reckewell und möchte wissen, wie man so eine Veranstaltung eigentlich aufzieht.

Mein Weg nach Wolfenbüttel rein. Ich mag diesen Blick auf die Stadt. © Andreas Molau

 

Als ich über den Wendesser Berg nach Wolfenbüttel hereinfahre, sehe ich bereits an der Kreuzung den ersten Hinweis. Nicht der auf die bevorstehenden Wahlen, erregt mein Interesse. Noch vorher findet in Wolfenbüttel die Kulturnacht statt. Am 16. September werden die Cafés, Museen, Galerien, Bildungszentren, Kirchen und das Theater wieder ihre Pforten öffnen, um den Nachtschwärmern in der Region Musik, Lesungen, Kinderprogramm, Ausstellungen, Tanz, Theater und andere Angebote zu bieten. Ich treffe mich zunächst mit Dagmar Steffenhagen, die seit der ersten Kulturnacht dabei ist und nun die neunte gerade auf der Schlussgeraden zum Ende bringt.

Bald ist es wieder soweit, die 9. Kulturnacht steht vor der Tür. © Andreas Molau

»Es war, als hätt‘ der Himmel …«

Es ist ein richtiger Sonnentag. In diesem Jahr muss das ausdrücklich erwähnt werden. Kaum Wolken am Himmel, und ein leichter Wind sorgt doch dafür, dass die Sonne nicht zur drückenden Last wird. Während ich vom Seeliger Parkplatz langsam Richtung Stadtmarkt schlendere, geht mir dieses Motiv der Nacht nicht aus dem Kopf. »Es war, als hätt‘ der Himmel/ Die Erde still geküsst.« Die leisen, eindringlichen Schläge der Klavierbegleitung aus der Vertonung von Robert Schumann klingen mir in den Ohren, bevor die verhaltene Stimme mit diesem grandiosen Worten Joseph von Eichendorffs beginnt. »Es war, als hätt‘ der Himmel/ Die Erde still geküsst, / Daß sie im Blütenschimmer/ Von ihm nun träumen müsst.« In ganz fernen Tagen haben wir uns vor der Nacht gefürchtet. Die Nacht, das waren böse Geister, die in den vier Wänden nichts zu suchen hatten. Die Romantiker haben uns dann vor gut 200 Jahren diese geheimnisvolle Tageszeit geschenkt, in der man seine »Seele spannen« und durch die »stillen Lande« fliegen kann. Seitdem ist sie ein Raum für Sehnsüchte und Träume. Für Maler und Musiker, für Schauspieler und Dichter. Und natürlich nicht zuletzt für uns, das Publikum.

Dagmar Steffenhagen von der Stadt Wolfenbüttel hat alle neun Kulturnächte organisiert. © Andreas Molau

Kultur und Nacht gehört zusammen

Insofern ist so eine Kulturnacht fast ein Pleonasmus. Kultur und Nacht ist doch irgendwie fast das Gleiche. Und obwohl es erst neun Veranstaltungen sind, die in Wolfenbüttel seit 2001 über die Bühne gegangen sein werden, habe ich den Eindruck, es »muss schon immer so gewesen sein«. Die Kulturnacht ist in der Lessingstadt eine Institution. Inzwischen bin ich in der Kanzleistraße angekommen. Hier kümmern sich Menschen wie Dagmar Steffenhagen um die Perspektiven Wolfenbüttels als Tourismusstadt. Ich bin etwas spät, aber meine Gesprächspartnerin, die mich im Raum »ka-1« empfängt, lässt sich keine Ungeduld anmerken. Sie schließt gerade noch am Bildschirm einen Arbeitsvorgang ab und weist mich schon mit einem Blick auf einen freien Stuhl. Draußen rauscht eine alte Kastanie auf dem Innenhof. Drinnen hört man das Tippen der Tastatur. Ich bin neugierig. Wer ist diese Frau, die eine so schöne Veranstaltung koordinieren darf und die es vor allem schafft, dass sie reibungslos funktioniert?

Bei so einem Büroausblick muss das Arbeiten Spaß machen. © Andreas Molau

Der Weg nach Wolfenbüttel

Das Gespräch ist zunächst ein bisschen verhalten. Man merkt, Dagmar Steffenhagen spricht nicht so gern über sich – lieber wohl über ihre Arbeit. Aus Hessen kommend führt ihr Weg über Baden-Württemberg und Bayern nach Südniedersachsen. Das war zunächst nicht die erste Wahl, räumt sie ein: »Die Himmelsrichtung hatte eigentlich nicht gestimmt.« Dagmar Steffenhagen liebt die Alpen, das Wandern und die unglaubliche Ruhe, wenn man am Gipfelkreuz steht und in die Ferne schauen kann. Aber in Wolfenbüttel, versichert sie, sei sie schnell angekommen und fühle sich sehr wohl. 1998 führte sie der Weg hierher und seit 2000 arbeitete sie im Stadtmarketing. »Ich habe in meinem Leben eigentlich immer verschiedene Dinge gemacht. Und so passt es, dass ich jetzt bei der Stadt Wolfenbüttel auch ganz verschiedene Arbeitsbereiche abdecke«, erzählt sie. Das seien die ganz klassischen Aufgaben der Tourismusentwicklung, aber eben auch andere aus vergangenen Jahren. Dazu gehört die Kulturnacht.

Alte Prospekte und Presseartikel erinnern an die letzten acht Kulturnächte. © Andreas Molau

Der Startschuss

»2001 wurde sie vom Kulturrat beschlossen und das Stadtmarketing, damals unter Björn Reckewell, wurde mit der Durchführung dieser Initiative betraut«, erinnert sie sich. Reckewell habe die ersten Kulturnächte aus der Taufe gehoben. Sie, Dagmar Steffenhagen, habe zunächst kleinere Aufgaben und später die gesamte Koordination übernommen. Wenn ich etwas über die ersten Kulturnächte erfahren wolle, dann sei er der richtige Ansprechpartner. Bei der Premiere habe man noch nicht ahnen können, wie sehr sich diese Kulturinstitution etablieren sollte. »Es hat damals geregnet und der Zuspruch war doch eher bescheiden«, erinnert sie sich. Schließlich stand die erste Kulturnacht noch unter den dunklen Vorzeichen von 9/11. Es war eine schwierige Entscheidung, die Kulturnacht überhaupt stattfinden zu lassen. Dann sollte aber gerade dieses Gemeinschaftsprojekt ein Zeichen für Frieden und Versöhnung sein – und wurde es. Von Jahr zu Jahr kamen mehr Menschen. Alternierend mit Braunschweig wechseln sich die Okerstädte ab mit der Kulturnacht. Nur dieses Jahr war das nicht der Fall. In dieser Zeit habe sich manches verändert, erzählt sie. Man erinnere sich an Höhepunkte und auch an den einen oder anderen Misserfolg.

Höhepunkte und anderes …

Aber insgesamt, das spüre ich mit jeder Minute, überwiegt Positivität, ja Euphorie. Wenn Dagmar Steffenhagen über die Organisation der Kulturnacht spricht, sprudeln die Geschichten und Anekdoten nur so aus ihr heraus. Ein Jahr vor dem Ereignis beginnt die Planung. »Wenn mich jemand im März vor der Kulturnacht anspricht, ob er denn auftreten könne, dann muss ich meist absagen«, erklärt sie. 140 Künstlerinnen und Künstler habe sie inzwischen in ihrer Kartei. Die werden alle zwei Jahre angeschrieben und dann geht es darum, diese zu den richtigen Orten zu bringen. Am Anfang habe man noch Vorschläge erarbeitet. Jetzt gibt es seit vier Jahren ein »Speed-Dating« bei dem sich Künstler und Gastgeber treffen können. »Das hat gleich beim ersten Mal so gut geklappt, dass die Freude richtig groß war bei allen Beteiligten«, so Steffenhagen. Mit dieser persönlichen Herangehensweise würde die ganze Kulturnacht viel besser laufen.

Das Programm wird online noch bis zum letzten Tag mit allen Änderungen aktualisiert. © Andreas Molau

Keine Kulturnacht ist wie die andere

Nicht jede Kulturnacht sei wie die andere, meint Dagmar Steffenhagen. Sie erinnere sich etwa an ein Baumaschinenkonzert 2005, bei dem Betonmischer und allerlei Baugerät Experimentelles nach Wolfenbüttel brachten. Im gleichen Jahr sei man darauf gekommen, mit Luftballons auf die Veranstaltungsorte hinzuweisen. »Wir waren in diesem Jahr zeitlich so knapp, dass ich am Ende noch mit meiner Familie die letzten Ballons aufblasen und anbringen musste«, lacht sie. Und natürlich gab es auch nicht nur strahlende Erfolge. So habe man 2011 versucht, die Veranstaltung mit einer offiziellen Eröffnung auf dem Schlossplatz zu starten. »Ein Opernsänger war extra gekommen, der Schlossplatz bot eine tolle Kulisse. Aber was fehlte, waren die Menschen«, erinnert sie sich schmunzelnd. Dieses Jahr gibt es wieder eine Neuerung – nicht am Anfang, sondern am Ende. Ab 23.30 Uhr wird es auf dem Marktplatz ein gemeinsames Singen geben. Diese Idee sei beim letzten Mal entstanden. In der Kommisse, wo Dagmar Steffenhagen selbst einen Veranstaltungsort betreut, sei die Idee mit einem Chorleiter aufgekommen. »Wir fanden, es ist eine schöne Sache, wenn am Ende ein aktives Gemeinschaftserlebnis steht.«, erklärt sie die Idee.

Noch viel Arbeit

Bis dahin steht noch einiges an Arbeit an. Bis zum Schluss gebe es viel zu klären. Das schriftliche Programm stehe und dann kämen immer noch Veränderungen, Wünsche, Probleme. Deshalb werde es vor Beginn auch noch eine Web-Version des Programmes geben. Was Dagmar Steffenhagen motiviert, alle zwei Jahre diese Herkules-Aufgabe wieder zu schultern – denn in ihrem neuen Arbeitsbereich liegt die Kulturnacht ja gar nicht mehr? »Mit vielen engagierten Menschen an den Veranstaltungsorten und tollen Künstlern aus Wolfenbüttel und der Region für eine abwechslungs- und erlebnisreiche Nacht der Kultur in Wolfenbüttel zu sorgen und die Begeisterung bei den Besuchern erleben zu dürfen«, beantwortet sie die Frage knapp. Nur einen Wunsch hat sie, verrät sie am Schluss: Einmal die ganze Kulturnacht erleben. Denn dadurch, dass sie selbst vor Ort gebunden ist, bekommt sie nur den Nachhall mit und muss sich auf die Berichte von Freunden und Bekannten verlassen. »Das wäre vielleicht ein Geschenk zur 10. Kulturnacht«, lacht sie und wirkt dabei trotzdem keine Spur ungeduldig.

Wie es alles begann

Wie es dazu gekommen ist, dass in diesem Jahr an sage und schreibe 53 Orten Kultur von Menschen aus der Region gemacht wird, dass schließlich, will ich noch von Björn Reckewell wissen. Ihn, der sich inzwischen u.a. in der Stadt verantwortlich um die Entwicklung des Tourismus kümmert, treffe ich beim Treccino »Am Alten Tore« – ein guter Platz in Wolfenbüttel, um aus einer Pause einen Erlebnisraum zu machen. Wir sitzen draußen. Die Sonne wärmt angenehm und trägt mit bei zu einem italienischem Flair. Während Dagmar Steffenhagen vor allem seine Rolle bei dem kulturellen Ereignis herausstellt, würdigt Reckewell die Arbeit seiner Mitarbeiterin. So soll es sein. »Es ist zu einem guten Teil auch Dagmar Steffenhagens Verdienst, dass sich die Kulturnacht so entwickelt hat, wie sie jetzt dasteht. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Sie ist die gute Seele der Kulturnacht.«, schwärmt er. Bei einem Eiskaffee erzählt Björn Reckewell, wie es zur Kulturnacht gekommen ist.

Bei wunderbarem Sonnenschein treffe ich mich mit Björn Reckewell im Treccino. © Andreas Molau

Das Format Kulturnacht

Der Kulturrat der Stadt Wolfenbüttel habe das Thema schon vor der Jahrtausendwende auf dem Schirm gehabt, erzählt er. In den 90er Jahren war das Format in Deutschland mehr und mehr populär geworden. Björn Reckewell war schließlich derjenige, der im Auftrag des Wolfenbütteler Kulturrats die Sache in die Hand genommen hatte. »Unsere Grundidee war damals, eine Nacht der offenen Tür zu schaffen – so wie es einen Tag der offenen Tür gibt«, erinnert er sich. Die Menschen sollten ohne Schwellenangst Orte kennenlernen können, in die man sich sonst nicht herein getraue. »Man traut sich sich vielleicht in machen Ort besser hinein, wenn man sie mal bei einer Kulturnacht von innen erlebt hat und weiß, wie die Räume aussehen und wo man alles findet, sogar die Toiletten, sagt mein Vater immer«, schmunzelt Reckewell. Niederschwellig, das heißt: Jeder soll als Besucher dabei sein und jeder Künstler kann seinen kulturellen Beitrag anbieten. Und da die ganze Sache nichts kostet, weil alle Kulturschaffenden ohne Gage und die Orte ohne Eintritt mitmachen, ist auch jeder Besucher und jede Besucherin in der Lage teilzunehmen. »Die Kulturnacht ist ein Gemeinschaftsprojekt, das von den Künstlern und Kulturorganisationen vor Ort getragen wird. Die Stadtverwaltung erfüllt im Auftrag der Politik dabei eine Fürsorgepflicht und hilft bei der Planung und Durchführung«, erklärt er.

Eine neue Form der Kulturentwicklung

Mit der Kulturnacht, so Reckewell, finde man in der Lessingstadt auch eine neue Form der Kulturvermittlung statt. »Kunst und Kultur sollten vor allem erst mal ohne äußeren Zweck für sich selbst da sein und so ist das Konzept der Kulturnacht in Wolfenbüttel auch konzipiert«, erläutert er. Das bedeute ein hohes Maß an Freiheit: »Die Menschen kommen und gehen nach ihrem Gefühl. Das ist für manche Menschen schwierig. Für andere aber eine ganz neue, gute Erfahrung. Bei der Kulturnacht wird Kultur ohne äußere Zwänge gelebt.« Das habe in all den Jahren schöne Momente hervorgebracht, erinnert er sich. So zum Beispiel sei es in der zweiten oder dritten Kulturnacht gewesen, dass im Klostersaal »Zur Ehre Gottes« der Raum für das Wolfenbütteler Kammerorchester und die Besucher zu klein gewesen wäre. »Wir haben dann einfach die Fenster weit geöffnet und die Menschen im Hof haben in atemloser Spannung den Klängen gelauscht«, so Reckewell.

Freude auf die Zukunft

Auf die neue Kulturnacht freut er sich und auch für die weiteren Jahre prognostiziert Reckewell eine gute Entwicklung: »Die Kulturnacht formt sich durch das Engagement der Menschen, die an ihr beteiligt sind. Und da sehe ich viel Potenzial in der Stadt und der Region. Alle Künstler – egal in welchem Genre sie aktiv sind – sind aufgerufen, sich auch in den folgenden Jahren in dieses Projekt einzubringen.« Aber auch Gastgeber seien immer willkommen. Nach der kürzlich erfolgten Premiere, bei der die ersten Höfe geöffnet worden sind in Wolfenbüttel, sieht Reckewell noch ganz neue Spielstätten, die entdeckt werden könnten. Ängste will er dabei nicht aufkommen lassen: »Niemand, der seinen Hof zur Verfügung stellt, muss sich auch um die Künstler kümmern. dafür sind wir ja da.« Trotzdem verfällt er nicht in das »Größer, Schneller, Weiter«: »Am Ende ist es nicht wichtig wie viele Spielstätten es gibt und wie viele Künstler dort am Werk sind. Das Wichtige ist das Kulturerlebnis, das sich in dieser besonderen Nacht verdichtet.«

Hier geht es zum Programmheft der 9. Kulturnacht in der Lessingstadt Wolfenbüttel: hier klicken

Erinnerung an ein Kunstprojekt einer der früheren Kulturnächte. © Björn Reckewell

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