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Ein Himmel voller Geigen

Autor: Frank

 

Sie strahlt beim Feilen übers ganze Gesicht. Man sieht ihr an, sie hat ihren Traumjob gefunden. Constanze Bruns ist Geigenbauerin mit Leib und Seele. Und das jetzt schon seit zwanzig Jahren.

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Damals – mit neunzehn – hat sie ihre Ausbildung in einer Geigenbau-Werkstatt in der Nähe von Stade begonnen. Angefangen hat ihr Spleen, diesen Beruf zu erlernen, aber noch viel früher. Im zarten Alter von sieben Jahren steht sie mit ihren Eltern im Laden ihres späteren Lehrmeisters. Sie hatte kurz zuvor begonnen, Geige spielen zu lernen.

Wer heute ihren eigenen Laden mitten in der bezaubernden Altstadt von Stade betritt, fühlt sich sofort heimelig. Es riecht nach Holz. Bratschen und Geigen hängen in der Luft. Das Festnetztelefon hat das Grau der 70er Jahre. Harze, Öle, Lacke und Farben stehen gut sortiert im Regal. Überhaupt wirkt alles sehr aufgeräumt, aber voller Arbeit und Tatendrang. Laden und Werkstatt sind eins. Und irgendwie erinnert mich hier alles ein wenig an die Wirkungsstätte von Pumuckls Meister Eder.

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Für unser Gespräch setzt „Conny“ erstmal eine Tasse Tee auf. Den gibt es unkompliziert im Becher. Ich werde das Gefühl nicht los, die Werkstatt ist auch gleichzeitig das heimliche Wohnzimmer von ihr.

Ist Geigenbau Handwerk oder Kunst?

„Verstehst Du Dich eigentlich eher als Handwerkerin oder als Künstlerin?“, will ich wissen. „Was ich mache ist ganz klar Handwerk“, sagt die junge Unternehmerin wie aus der Pistole geschossen. „Die Arbeit eines Geigenbauers wird von vielen etwas verklärt gesehen. Der Beruf ist aber nichts für Träumer. Um beispielsweise eine neue Geige zu bauen, sitze ich hier rund 200 Stunden. Und danach muss sie noch lackiert werden. Viele haben von unserem Beruf eine falsche Vorstellung. Ich werde ja auch häufig gefragt, ob ich nebenbei Geigenunterricht gebe. Nein, mache ich natürlich nicht. Ein Tischler gibt ja auch keinen Kochkurs.“

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Stecheisen, Feile, Hobel… Nur einige der Werkzeuge der Geigenbaumeisterin. (c) alle Fotos: Frank Tinnemeyer

Dass Constanze Bruns heute ihren eigenen Laden besitzt, hat auch viel mit Zufällen zu tun, die das Leben so schreibt – und Beharrlichkeit. Der Geigenbauer, dessen Laden sie mit sieben zum ersten Mal betrat, gibt ihr nach einigem Quengeln die Möglichkeit, während der Schulzeit ein Praktikum bei ihm zu absolvieren. Später geht sie ihm weiter solange auf die Nerven, bis er sich erbarmt, ihr eine Lehrstelle anzubieten.

Das Werkeln mit Holz ist zu dem Zeitpunkt auch privat eine Leidenschaft von ihr: Sie hat ein eigenes Segelboot aus Holz, das sie instand setzt. Auch heute ist sie noch gerne auf dem Wasser unterwegs. Ihr Mann hat sie zudem in den letzten Jahren zum Segelfliegen gebracht, sodass heute auch häufig gemeinsam in den Lüften gesegelt wird.

Von der Planke getreten…

Nach der Ausbildung ist sie gut drei Jahre in Frankfurt bei einem Geigenbauer tätig. Heimweh führt sie zurück in den Norden. Wieder zuhause vollendet sie ihre Meisterprüfung und arbeitet eine Zeitlang in einer Geigenbau-Werkstatt in Hamburg, bevor ihr ehemaliger Lehrherr seinen Betrieb, der zwischenzeitlich in die Stader Altstadt gewechselt hat, schließt. Nun sieht sie die Chance gekommen, in Stade ihren eigenen Laden zu öffnen. Dazu braucht es zwar zunächst noch den einen oder anderen Schubs von Freunden und Bekannten, was sie heute liebevoll in Seglersprache mit „Man hat mich quasi von der Planke getreten“ umschreibt. „Ich hatte damals tierisch Schiss, habe es aber bis heute nicht bereut.“

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Schwerpunkt ihrer täglichen Arbeit sind Reparaturen und Restaurationen alter Instrumente. „Das ist für mich Erfüllung, und es macht mir einfach Spaß, Jahrzehnte oder Jahrhunderte alte Geigen, Bratschen, Celli, Gamben oder Kontrabässe wieder neues Leben einzuhauchen. Je oller der Krempel, desto größer die Herausforderung und meine Begeisterung für das Instrument.“

„Und macht es noch immer Spaß selber zu spielen?“, frage ich sie. „Ja, das hört hoffentlich nie auf. Seit kurzem spiele ich sogar wieder in einer Band.“ „Thomstudio“ nennen sich die acht Musiker aus der Region, die in den letzten Monaten schon mehrere erfolgreiche kleine Auftritte in Stade und umzu absolviert haben, und bei der Constanze Bruns, wie könnte es anders sein, natürlich auch die erste und einzige Geige spielt.

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Ach, man könnte so herrlich noch Stunden hier weiter sitzen, Tee trinken, mit der Meisterin plaudern und irgendwann kommt bestimmt auch Pumuckl noch um die Ecke…

„Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Violine und Geige“, will ich zum Abschluss meines Plausches noch wissen. „Nö“, sagt „Conni“, wer etwas gebildeter daher kommen will spricht manchmal von Violine, mir ist Geige eigentlich lieber. Auch das passt zu dieser sympathischen Frau.

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Weitere Infos zur Werkstatt von Constanze Bruns gibt es hier…

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