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Die Schatzkiste der Kunst

Autor: Janina

Auf den ersten Schritten begleitet mich knarrender Boden. Man merkt dem Gebäude des Kunsthauses in Stade eben doch das Alter an. Sofort sticht der untypische Aufbau ins Auge. Ich fühle mich wie in einem Privathaus, kleine Räume, aber trotzdem eine Fläche von über 350 m² verteilt auf drei Etagen, keine Abstandhalter zu den Kunstwerken, eine sehr nahe, intime Kunstwirkung, kein üblicher „White Cube“.

Wie für die Stader Altstadt charakteristisch, ist die Außenfassade des Kunsthauses im Fachwerkstil noch original. Das Gebäude wurde selbstverständlich schon mehrfach saniert, da die Kunstwerke namhafter Künstler ein bestimmtes Raumklima benötigen. Zu diesen zählen neben Pablo Picasso und Salvador Dalí, Hanna Höch und demnächst auch Thorsten Brinkmann. Ein besonderer Besuchermagnet war überraschenderweise Théodore Strawinsky, den das Kunsthaus als eine Entdeckung feiern konnte, erzählt mir Luisa Fink vom Kunsthaus Stade, während wir inmitten der aktuellen Ausstellung von Wolfgang Herrndorf sitzen.

Die Außenfassade des Hauses am Hansehafen ist noch original. © Janina Possel

1667 als Kaufmanns- und Speicherhaus erbaut, besitzt das Museum bereits eine lange Geschichte: Viele Jahre wurden Bilder aus verschiedenen Künstlerkolonien, wie zum Beispiel die Worpsweder Maler, gezeigt. Seit 2009 beherbergt das Kunsthaus drei, manchmal auch vier, wechselnde hochkarätige Ausstellungen pro Jahr.

Das Haus am Wasser West inmitten Stades Altstadt ist eben eine richtige „Schatzkiste der Kunst“, wie es von vielen genannt wird. Verborgenes, das entdeckt werden möchte, Werke, die unbekannt sind und für Überraschung sorgen. Das Kunsthaus ist für seine spannenden Entdeckungen bekannt und will dabei immer wieder „Neues wagen“, so Luisa Fink. Die Ausstellungen stammen aus dem 20. und 21 Jahrhundert, ein Wechsel zwischen Klassischer Moderne und Zeitgenössischem ist geboten. Oftmals werden Werke von Künstlern mit etablierter Position ausgestellt, der Fokus aber auf deren Nebenwege gelegt. Oder wer denkt bei Dalí zunächst an illustrierte Literatur als an seine surrealistischen Gemälde? Na ja, wohlmöglich ist der erste Gedanke an ihn der gezwirbelte Schnurrbart…

Die aktuelle Ausstellung von Wolfgang Herrndorf während der Langen Nacht. © Janina Possel

Kunst kennt keine (Länder)Grenzen

Große Namen bedeuten auch große Besucherzahlen: Mit verschiedensten Ausstellungen soll ein breites Publikum angesprochen werden. Durch diese Offenheit werden neben dem festen Besucherkreis aus dem Stader Raum und der Metropolregion Hamburg auch oft weit Gereiste aus aller Welt angezogen. USA, Kanada, Schweiz… Sogar Gäste aus Österreich hat es wegen einer Ausstellung im Kunsthaus in den Norden Deutschlands gezogen, wie man es dem Besucherbuch entnehmen kann. Von Mitte 30 bis Mitte 60 streut sich das Alter der Kunstinteressierten. Doch auch Programme für Kinder und Jugendliche werden angeboten, um diesen die Kunst nahe zu bringen und das langweilige, verstaubte Image weg zu putzen.

Reise in die Welt des Wolfgang Herrndorfs

Viele – zu diesen „Vielen“ zähle auch ich – verbinden diesen Namen mit dem Roman „Tschick“: Wolfgang Herrndorf. Doch dessen Schatzkiste ist bis zum Rand gefüllt mit weit mehr Werken. Hochbegabt, in der Abi-Zeitung als „Universalgenie“ betitelt, was bei einem 1er-Schnitt wohl die korrekte Bezeichnung ist, und in jungen Jahren viel Zeit in der Natur und in der Kunsthalle verbracht, ist sein Weg als Künstler bereits früh vorhersehbar. Schon während seines Studiums der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg schimmert sein Humor unterschwellig in Bildern und Texten durch. Sein Talent für Satire erkennt auch das Magazin Titanic, bei dem er sich nach dem Studium bewirbt und in dem er bis 2004 Arbeiten veröffentlicht.

Klassiker Kohl: Pure Satire in den verschiedensten Ausführungen. © Janina Possel

Seinen satirischen Humor und vor allem sein Talent für verschiedenste Techniken zeigt er erneut im Wandkalender „Klassiker Kohl“, welcher 1998 im Haffmanns Verlag erscheint. Helmut Kohl, dargestellt in verschiedensten Façons, vom Sanktus Helmut, über den Kohl-Schriftzug im Pop Art-Verschnitt, bis hin zum Martin Luther-Double.

„Versaut“ kann er auch, das zeigt er in den Illustrationen der Textsammlung „Die allerneuste klassische Sau“, indem er wortwörtlich bekannte Originale mit Säuen aufpeppt. Ab dessen Erscheinungsjahr, 1999, werden seine Zeichnungen leider weniger. Der unterschwellige Humor, die Ideenfindung, die Technik – Dinge, die ihm früher so leicht fielen, bereiten ihm nun Schwierigkeiten. „Malen wie Zahnarzt ohne Betäubung“, so zitiert Jutta de Vries, die durch die Ausstellung führt, aus einer späteren E-Mail Herrndorfs. Doch Aufhören kommt nicht in Frage, sodass er sich nun der Literatur verschreibt. Auch hier ist er erfolgreich und gewinnt unter anderem den Deutschen Literaturpreis.

Total „versaut“ hat sich Herrndorf große Werk vorgenommen. © Janina Possel

Was direkt auffällt, ist ein und dasselbe Gesicht in vielen Gemälden. Es ist Herrndorf selbst. Auf die Frage „Warum?“, antwortet mir Jutta de Vries, es sei das billigste Model, es stehe immer zur Verfügung und es mache, was Herrndorf will. Dass er hierbei seinem großen Vorbild Albrecht Dürer nacheifert, schließt sie ebenfalls nicht aus.

Jutta de Vries vor einigen Selbstportäts Herrndorfs. © Janina Possel

Im Jahr 2010 wird bei Herrndorf ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Drei Jahre später setzt er seinem Leben in Berlin ein Ende. Oft stand ihm seine hohe Begabung im Weg, doch was bleibt sind Werke eines Künstlers, die einen zum Schmunzeln, aber ebenso zum Nachdenken bringen.

Der Besuch im Kunsthaus hat mir wieder einmal gezeigt, dass Kunst alles andere als langweilig ist. Ein Besuch lohnt sich allemal – auch von weit her. Für mehr Informationen zum Kunsthaus, geht es hier entlang.

 

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