Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

Theaterstadt Lingen? Theaterstadt Lingen!

Autor: Christiane Adam

Ganz ehrlich? Als ich nach fast zehn Jahren Hamburg zurück ins Emsland und damit nach Lingen kam, habe ich in Lingen definitiv nicht das Epizentrum der Bretter, die die Welt bedeuten, gesehen. Umso erstaunter war ich, als ich hörte, dass es inzwischen am damals noch jungen Hochschulstandort die Möglichkeit gab, Theaterpädagogik zu studieren. „Hier in Lingen? Ist das sinnvoll?“, so dachte ich damals. Inzwischen frage ich mich das nicht mehr, sondern genieße es einfach nur, dass diese jungen, verrückten, kreativen Menschen hier in der Stadt sind. Denn diese Theaterpädagogikleute studieren nicht nur hier, sondern entwickeln auch permanent eigene Stücke, die sie dann in der Öffentlichkeit aufführen. Zudem ist Lingen der Sitz des ältesten und größten Theaterpädagogischen Zentrums in Deutschland (aus dem sich der Studiengang Theaterpädagogik später entwickelte), welches dem Otto-Normal-Verbraucher ermöglicht, sich auch selbst einmal als Schauspieler in Projektstücken zu versuchen. Ich möchte euch gerne auf eine kleine Rundreise durch Lingen mitnehmen, um euch zu zeigen, an welchen Stellen wir dadurch bereichert werden.

auktion

Der Hammer bei der studentischen Auktion: ein von Kai Pflaume handsignierter Ordner

Da ist zunächst einmal das Burgtheater des Instituts für Theaterpädagogik. In einem ehemaligen Puschenkino toben sich hier die Studenten aus. Im vergangenen Jahr gab es erstmals eine Auktion von allerlei Gegenständen, die mittels Aufruf von der Bevölkerung beigetragen wurden. Unter den wirklich vollkommen buntgemischten Gaben waren ein „original New Yorker cheesecake“, ein Hochzeitskleid und ein von Kai Pflaume handsignierter Aktenordner. Den kuriosesten Beitrag hat – aus meiner unneutralen Sicht – mein eigener Gatte gestiftet: einen Aschenbecher in Form eines Kindergesundheitsschuhs. Dieser gehörte einst seiner Oma, die in Lingen das erste Sanitätshaus betrieb, und die später wegen ihrer Kettenraucherei beide Beine amputiert bekam. Dieses makabere Kleinod wollte derjenige, der es ersteigert hatte, am Ende nicht einmal haben; vermutlich hatte er wohl nur aufgrund der Show, die der Auktionator darum gemacht hatte, geboten, und so nahm ich es wieder an mich und schenkte es einem befreundeten Dozenten am Institut für Theaterpädagogik. Dieser hegt das gute Stück nun und hat erzählt, dass er seitdem mit dem Rauchen aufgehört hat. Wer braucht da schon noch Schockbilder auf Zigarettenschachteln? Und auch das dadurch hereingekommene Geld ging an mehrere gute Zwecke. Am 27. Oktober findet die nächste Auktion statt! Ich freue mich schon!

dunkelblau-tim-vischer-tpz

Meine Freundin – super cool! Foto: Dunkelblau © Tim Vischer TPZ

Außerhalb des Stadtzentrums (was in Lingen nicht wirklich eine weite Entfernung bedeutet) liegt die WerkstattBühne des Theaterpädagogischen Zentrums. In der Bernardstraße 43, mitten in einem Gewerbegebiet, führen Amateurschauspielgruppen, die unter Anleitung der Theaterpädagogen häufig sogar selbst geschriebene Stücke entwickelt haben, ihre Ergebnisse für die Öffentlichkeit auf. Meine Freundin hat vor einigen Jahren das Stück „Dunkelblau“ aufgeführt. Ich war wirklich beeindruckt. Schaut euch das Foto an! Ist sie nicht supercool? Das Stück hatte das düstere Märchen „Blaubart“ zur Grundlage. Jedesmal, wenn ich das Lied I’m Blue da ba dee da ba daa
Da ba dee da ba daa, da ba dee da ba daa, da ba dee da ba daa von Eiffel 65 im Radio höre, denke ich noch gern daran zurück. Vielleicht sollte ich mich irgendwann selber einmal als Amateurakteurin versuchen?

anatidaephobie_1

junges Theater – Mehrgenerationentheater

Dann gibt es da noch das „Junge Theater“. Sie bezeichnen sich selber als Mehrgenerationentheater mit Schauspielern zwischen 15 und 64. Neulich erst war ich mit einem Freund im Theater an der Wilhelmshöhe. Das ist eigentlich ein bespieltes Haus mit vom Kulturamt engagierten Schauspieltruppen aus ganz Deutschland – und hin und wieder eben auch für lokale Akteure. „Anatidaephobie – oder die Angst von Enten beobachtet zu werden“ hieß das Stück, und es war klar, dass ich mit meinem Freund, der ein Entenfan ist, dorthin gehen würde. Die Schauspieler hatten sich zeitweilig mit Entenmasken verkleidet und es ging um einen Generationenkonflikt der sehr speziellen Art.

sinnundwahn

SinnUndWahn beim Hospiz- und Palliativtag im Ludwig-Windthorst-Haus

Darüber hinaus gründen sich immer wieder spontane Gruppen. So war ich beispielsweise ausgesprochener Fan der Improtheatergruppe Sinn & Wahn. Hier hatten sich ein paar Studenten zusammengetan, um Improtheater in Lingen bekannt zu machen. Ich fand die Truppe immer wahnsinnig komisch. Dazu kommen Auftritte von Theaterwilligen auf Bürgerfesten, Konferenzen, Streetacts etc. Man kann in Lingen Theaterspielende allenthalben finden. Insofern: Theaterstadt Lingen? Theaterstadt Lingen!

Titelfoto: Anatidaephobie © Junges Theater Lingen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.