Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

Phänomen Kohltour

Autor: Bettina

Der Weg ist das Ziel? Dieser oft verwendete Spruch, trifft für eine Kohltour definitiv zu. Man muss Aufgaben lösen und am Ziel weißt du, was du hinter dich gebracht hast. Mit meiner Teilnahme an mittlerweile mindestens zehn Kohlfahrten in unterschiedlichsten Konstellationen, habe ich bereits ein bißchen Erfahrung! Mit diesem Beitrag will ich versuchen jedem interessiertem Kohltourlaien dieses gesellschaftliche Ereignis etwas näher bringen.

 

Das wichtigste Utensiel für die Kohltour: Der Bollerwagen

Das wichtigste Utensiel für die Kohltour: Der Bollerwagen

 

Im Januar und Februar, wenn es draußen frostig-kalt ist und eisige Winde über die weite Ebene Norddeutschlands fegen, zieht es uns Oldenburger unwiderstehlich ins Freie. Die Erklärung dafür ist ganz einfach. Im Winter ist Kohlfahrtsaison! Das ist für uns das, was dem Rheinländern der Karneval ist: gesellschaftliches und geselliges Jahres-Highlight, eine närrische Auszeit vom Alltag und ein Wiedersehen mit neuen und alten Bekannten. Dabei schieben wird keinesfalls eine ruhige Kugel, sondern boßeln und falls etwa die Witterung keinen Boßel-Wettkampf zulässt, werden andere Wettbewerbe ausgetragen, deren Regeln den meisten Teilnehmern durch Kindergeburtstage bekannt sein dürften. Und das absolut wichtigste Utensiel ist definitiv der Bollerwagen. Hierin wird das Spielezubehör transportiert und für den kilometerlangen Marsch durch die Kälte, auch wärmende Getränke und etwas Nervenfutter.

 

Für alle Kohltourprofis: An dieser Stelle mache ich mal kurz auf ein Gewinnspiel aufmerksam. Schickt uns gerne Eure Tipps für die coolsten Kohlfahrtspiele und gewinnt eine Übernachtung!!

 

Kohlfahrtspiel "Spaghetti einfädeln"

Kohlfahrtspiel „Spaghetti einfädeln“

 

 

Was ist eigentlich Boßeln?
In weiten Teilen Norddeutschlands hat das Boßeln eine größere Bedeutung als der Fußball: Allein der Klootschießerlandesverband Oldenburg hat rund 16.000 Mitglieder in mehr als 100 Vereinen. Die Begriffe Klootschießen und Boßeln werden oft synonym verwendet, im Wettkampfsport jedoch bezeichnen die Begriffe unterschiedliche Disziplinen. Im Mittelpunkt steht immer eine Kugel aus Holz oder Kunststoff, knapp 60 Millimetern im Durchmesser und rund ein Pfund schwer. Die muss weg – und zwar möglichst weit. Zu diesem Zwecke werfen Klootschießer die Kugel. Beim Standkampf  jeder für sich allein. Beim Feldkampf treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Das Boßeln ist dem Feldkampf ähnlich, allerdings wird nicht auf dem Feld sondern auf asphaltierten Straßen gespielt. Entsprechend wird die Kugel eher gerollt als geworfen. Wenig befahrene Landstraßen sind an Winterwochenenden Schauplätze der Meisterschaftswettkämpfe, die in unterschiedlichen Ligen ausgetragen werden. Zudem ist das Straßenboßeln – vor allem im Rahmen geselliger Kohltouren – eine sehr beliebte Breitensportart in Norddeutschland. Wer mehr wissen will, kann an der Grünkohl-Akademie einen Boßel-Kurs belegen und mit viel Glück sogar einen tollen Grünkohlpreis absahnen.

 

 

Kohltour Konventionen
Für Kohlfahrten gibt es zwar keine festen Regeln, allerdings gelten einige gesellschaftliche Traditionen, die es einzuhalten gilt. So wird bei jeder Tour im Verein, mit der Familie oder im Bekannten- und Kollegenkreis eine Kohlkönigin oder ein Kohlkönig ermittelt, der die Kohltour des kommenden Jahres organisieren muss. Für die Königskür haben sich über die Jahre individuelle Traditionen entwickelt: Bei einigen entscheidet der sportliche Wettkampf, bei anderen die Menge des verzehrten Grünkohls, und wieder andere lassen den Zufall entscheiden. So oder so: Was Hoheit während der Kohlfahrt befehlen, wird gemacht – auch wenn Gäste von auswärts manche gemeinsame Aktion befremdlich oder gar peinlich finden könnten. Allen Kohltouren gemeinsam ist der krönende Abschluss in einem Landgasthaus, in denen an Wochenenden ab November und oft bis kurz vor Ostern Grünkohlessen angeboten werden oder im Rahmen von Gemeinschaftskohlfahrten Live-Bands aufspielen. Für die Gemeinschaftskohlfahrten einen Tisch zu reservieren, darf kein Kohlkönig auf die lange Bank schieben, denn zur Kohlfahrt-Saison sind die Gasthäuser lange im Voraus ausgebucht.
Kleiner Tipp: Du solltest witterungsbedingte Kleidung tragen. Wir empfehlen den Zwiebellook, das heißt man trägt mehrere Schichten übereinander, die man je nach Bedarf ablegen oder anziehen kann. Tagesaktuelles Wetter gibt`s in der Oldenburg-App. Und wer es ganz genau wissen will, für den gibt es in Oldenburg natürlich auch einen Kohlfahrtkurs.

 

Oldenburger „Kohlpetenz
Eins ist sicher: In Oldenburg schlägt das Grünkohlherz eindeutig am lautesten. Mal abgesehen von der witzigen Oldenburger Grünkohl-Akademie trägt die Stadt dem Kultkohl des Nordens mit allerlei „kohlinarischem“ Rechnung: Grünkohlpesto, Pinkelmostrich, Grünkohl-Pralinen, Grünkohl Tee, Grünkohl-Chutney und vor allem Grünkohl mit Pinkel.
Da ich schon alles probiert habe, kann ich voller Überzeugung mitteilen: Es ist alles richtig lecker!
Außerdem kann ich allen Fans des gesunden Gemüses, die Veranstaltung „Hallo Grünkohl“ empfehlen. Oldenburg zelebriert den Start in die anstehende Grünkohlsaison mit einem feierlichen Auftakt im Zentrum der Innenstadt. Dann versammelt sich die gesamte Kohlkompetenz auf dem Marktplatz und geshoppt werden kann nebenbei auch noch, denn es ist verkaufsoffener Sonntag.

 

 

Und zum Schluß noch ein bißchen Hintergrundwissen
Der Kult um den Kohl entstand in Oldenburg keineswegs zufällig: Oldenburg ist auch deswegen die Kohltourhauptstadt, weil hier das gesunde Wintergemüse in hoher Qualität gedeiht und es eine lange Tradition der Kohltouren gibt: In älteren Oldenburger Urkunden, selbst in der Stadtrechtsurkunde von 1345, vor allem aber in Kaufkontrakten, gibt es immer wieder Hinweise auf den Kohlhof und Kohlgarten. Kohl war aber nicht nur ein Essen für Arme und Normalbürger. Wenn im Winter der Frost länger anhielt, verabredeten sich die Honoratioren der Stadt zu einer Schlittenfahrt aufs Land, um anschließend bei einem wohlhabenden Landmann einzukehren. Der Oldenburger Turnerbund, gegründet 1859, gilt als Erfinder der Kohlfahrt in ihrer heutigen Form, über 100 solcher Veranstaltungen sind in der Vereinschronik dokumentiert. Und seit 1956 wird die Bundeshauptstadt zur Oldenburger Kohlonie. Seitdem wird alljährlich beim „Defftig Ollnborger Gröönkohl Äten“ eine Persönlichkeit aus der Politik zur Kohlmajestät gewählt, also eine „Grünkohlkönigin“ oder ein „Grünkohlkönig“. Selbst Altkanzler Helmut Kohl brachte es zum Kohlkönig von Oldenburg. Und mit diesem Nachnamen ist er wohl sowas wie der Oberkohlkopf einer ganzen politischen Gang. Kollegen wie Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und auch die derzeitige Bundeskanzlerin Angela Merkel amtierten bereits unter der Flagge der Oldenburger „Palme“.

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