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Kreative Szene & nationale Kunst – kleine Galerien in Hildesheim

Autor: Britta

Heute möchte ich euch zu den kleinen Kunst- und Kulturschätzen Hildesheims mitnehmen. Kultur in Hildesheim heißt für viele Besucher UNESCO-Welterbe Dom und Michaeliskirche, Roemer- und Pelizaeus-Museum oder Kunstschatz im Dommuseum. Das ist bekannt! Aber auch abseits dieser Highlights können Kunst- und Kulturinteressierte in Hildesheim einiges entdecken. Gut aufeinander abgestimmt öffnen am Wochenende und teils auch mittwochabends die kleinen Galerien der Stadt ihre Türen: Optimal, um von einer Ausstellung in die nächste einzutauchen.

Kunst im ehemaligen Speicher inszeniert

Zunächst zieht es mich in die Galerie im Stammelbach-Speicher. Eine bewährte Adresse, wenn es um Kunst in Hildesheim geht. Noch bis zum 10. April ist Paul Königs Ausstellung „1955 bis 2015 – 60 Jahre freie Grafik“ zu sehen. Ich trete ein in die offenen, großzügigen, hellen Räume. Mal knallbunt, mal in schwarz-weiß, mal detaillierte Zeichnungen, mal abstrakte Gemälde, von Landschaften über gesellschaftskritische Werke bis hin zu abstrakten Kompositionen – die Bilder strahlen mir von den weißen Wänden entgegen. Selbst als Laie entdecke ich die ganz unterschiedlichen Facetten aus dem Lebenswerk des Künstlers.

Galerie im Stammelbachspeicher Hildesheim

Paul König hat die Hildesheimer Kunst- und Kulturszene mitgeprägt und war einer der Initiatoren zur Gründung der Galerie im Stammelbach-Speicher. Großer Unterstützer von Anfang bis heute ist der Unternehmer Konrad Krüger, der den Speicher zur Verfügung stellt. Wie ich von ihm erfahre, sollte die Galerie zunächst regionalen Künstlern einen Ausstellungsraum in Hildesheim bieten. Heute sind daneben nationale sowie international bekannte Künstler mit von der Partie. Das sich die Galerie zu einem beliebten Ausstellungsort entwickelt hat, zeigt die jährliche Bewerbungsflut: Aus 80 bis 100 Bewerbungen wählt die Jury (acht zumeist regionale Künstler) etwa zehn Projekte aus. Ein Mix aus unterschiedlichen Kunstausprägungen von Malerei und Grafik über Fotografie bis hin zu Skulpturen und Installationen sorgt für ein abwechslungsreiches Jahresprogramm.

Kunstwerk in der Galerie im Stammelbachspeicher Hildesheim

An der Grenze zwischen Kunstwerk und Ware

Weiter geht es in die Wollenweberstraße. In einem Leerstand darf ich kurz vor der Eröffnung schon einen Blick in die Ausstellung des Kunstvereins Hildesheim „FINAL GOODS“ werfen. Neben mir dreht gerade ein Fernsehteam des NRD einen Zusammenschnitt für die Sendung Lust auf Norden (ab Minute 00:21:10).

Die Kunstwerke im Schaufenster muten wie Waren eines Klamottenladens an. Und kaufen kann man die Jogginghosen auch, über den Online-Shop des Künstlers. Also sind es eigentlich Konsumprodukte? Oder käufliche Kunstwerke? Mit dieser zunehmend schwindenden Trennlinie zwischen Kunst und Ware spielt die Ausstellung. Denn längst ist Kunst nicht mehr nur in Museen zu finden: Auf Kunstmessen, in Concept Stores oder im Internet inszenieren viele Künstler Objekte an der Grenze zwischen Kunstwerk und konsumierbarem Produkt. Wie soll ich das noch auseinander halten… Heißt es nur Kunst, sozusagen als Werbeargument? Oder ist es gar eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft? Rund um diese Überlegungen rankt sich die Ausstellung.

Ausstellung Final Goods des Kunstverein Hildesheim

Eine der Kuratorinnen erläutert mir das Konzept: Die Produkte der vier ausstellenden Künstler sind nur ein Teil der Darstellung. Auch die Kommunikation und Marketingstrategie gehört dazu. Auf einem großen Mediatisch sehe ich einen Werbeclip zu einem Mediaplayer, Bücher über Konsumkultur im Regal aufgereiht und über ein Notebook habe ich Zugriff auf die Online-Shops der ausstellenden Künstler. Die bunten T-Shirts, Schürzen und Taschen mit den peppigen am IPad entstandenen Motiven kann ich gleich bestellen.

Ausstellung "FINAL GOODS" des Kunstvereins Hildesheim

Die gesamte Ausstellung ist wie eine Verkaufspräsentation inszeniert. Deshalb wählte der Kunstverein als Ausstellungsort das leer stehende Ladenlokal mit großen Fensterfronten: Ein ehemaliger Fastfood-Imbiss. Dies griff einer der Künstler sogleich auf. Hannes Malte Mahler ergänzte seine Motivpalette um einen Burger. Das passend bedruckte T-Shirt möchte er zur Ausstellungseröffnung tragen, verrät er mir.

Kunst in der Ausstellung "FINAL GOODS" in Hildesheim

Ausstellungen mit Weitblick

… und damit fiel die Entscheidung für „FINAL GOODS“ gegen den gewöhnlichen Ausstellungsraum des Kunstvereins, den Kehrwiederturm. Dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, auch hier einen Blick hinein zu werfen. Über enge Wendeltreppen erklimme ich die vier Etagen des kleinen Turms. Von hier oben habe ich einen wundervollen Blick über den Kehrwiederwall und das umgebene Fachwerkviertel. Eine weitere tolle Location für Ausstellungen.

Blick vom Kehrwiederturm in Hildesheim

Zurzeit stehen die Räume leer. Die nächste Ausstellung „Neue Agenda? Stadtteilforum IDEE 01239“ beginnt am 27. April. Das Gemeinschaftsprojekt von Kunstverein und Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaften der Uni Hildesheim spiegelt die beginnende intensive Zusammenarbeit wieder. Der Kunstverein widmet sich seit bald 40 Jahren zeitgenössischer Kunst in Hildesheim. Nun möchte er in Kooperation mit der Uni und im Dialog mit dem Publikum einen neuen Weg einschlagen. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung…

Ausstellung IDEE 01239 des Kunstvereins Hildesheim (c) Andrea Knobloch & Silke Riechert

Ausstellung IDEE 01239 des Kunstvereins Hildesheim (c) Andrea Knobloch & Silke Riechert

Kreativ und gut vernetzt bereichern Studierende die Kunstszene

Wie Studenten der Design-, Kultur- und Kunststudiengänge der Hildesheimer Hochschulen die Kunstszene beeinflussen, zeigt auch der KUNSTRAUM 53. Eine der Gründerinnen erzählt mir von der Idee dahinter: Studierende des Masterstudiengangs „Inszenierung der Künste und Medien“ suchten 2014 einen Raum, um praktische Erfahrungen im Kuratieren von Ausstellungen zu sammeln. Gefunden wurde der KUNSTRAUM 53. Die Initiatoren haben zwischenzeitlich ihr Studium abgeschlossen. Der Kreis hat sich erweitert und heute sorgen Studenten unterschiedlicher Fachbereiche von Uni und Hochschule für ein buntes Ausstellungsprogramm. Dabei stehen oft regionale und meist junge Künstler auf dem Sprung zu ihrer weiteren Karriere im Vordergrund. So präsentiert Daniel Kuge hier ab dem 11. April Acryl-Werke in seiner ersten Einzelausstellung EKR1-R1-H16.

Gleichzeitig die letzte Ausstellung im KUNSTRAUM 53, denn zum Juni müssen die Studierenden den Raum verlassen. Sie suchen nun nach einem neuen geeigneten Leerstand für ihre Ausstellungsprojekte.

Kunstraum und &büro in Hildesheim

Ebenfalls als Zwischennutzung eines Leerstands, ebenfalls von Studenten betrieben und ebenfalls in der Wollenweberstraße: Gleich neben dem KUNSTRAUM 53 steckt das &Büro noch in seinen Anfängen. Als „Schaufenster der Uni“ bespielen Studierende das Ladenlokal seit einem dreiviertel Jahr mit Lesungen, Konzerten, Nachbarschaftsprojekten und kleinen Ausstellungen. Ab dem 15. April zeigt Dominik Bönisch hier seine Ausstellung „nice to have you back, boredom“. Gleichzeitig leitet Dominik Bönisch den Workshop „Collagen“ in der parallel im KUNSTRAUM 53 stattfindenden Präsentation.

Ich bin beeindruckt, wie gut vernetzt und aufeinander abgestimmt junge Kreative das Kunst- und Kultuleben in der Wollenweberstraße aufmischen. Die nächsten Ausstellungen werde ich mir auf jeden Fall anschauen und mir einen weiteren Nachmittag Zeit nehmen, um von Ausstellung zu Galerie zu tingeln…

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