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Die Göttinger Puppenkiste

Autor: Keno

Die Göttinger Puppenkiste? Die meisten verbinden den Begriff Puppenkiste wahrscheinlich eher mit der Stadt Augsburg. Über Jahrzehnte haben die Aufführungen dieses Ensembles das Bild vom Puppenspiel in Deutschland geprägt. Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer, Urmel aus dem Eis, das Sams oder die Katze mit Hut gesehen hat. Das sich mein Bild von Puppenspiel und dem Figurentheater inzwischen allerdings stark verändert hat, das habe ich den Göttinger Figurentheatertagen zu verdanken. Und zu denen möchte ich Euch dieses Mal mitnehmen.

Figurentheatertage mit Tradition © Keno

Figurentheatertage mit Tradition © Keno

Göttinger Figurentheatertage – eine überraschende Vielfalt

Seit vier Jahren bin ich regelmäßig Besucher der Figurentheatertage. Ergeben hat sich das eher durch einen Zufall. Ein Freund fragte mich, ob ich eventuell Lust habe einmal mitzukommen und da mein Sonntagabend noch nicht verplant war, hatte ich spontan zugesagt. Zu sehen, gab es damals ein Stück über eine verbotene Liebe zu Zeiten des Nationalsozialismus. Und obwohl sowohl das Thema als auch die Art der Aufführung so ganz anders waren als ich es aus dem Fernsehen und meiner Kindheit kannte, war ich schnell in das Spiel der Figuren versunken. Meine Neugierde auf mehr wurde an diesem Abend geweckt. Neben klassischem Marionettenspiel habe ich inzwischen die gesamte Bandbreite des Figurentheaters kennengelernt – vom Spiel mit Handpuppen über Stabpuppen bis hin zu Tisch- und Schattenfiguren.

Gleich geht es los - das Publikum im Alten Rathaus © Keno

Gleich geht es los – das Publikum im Alten Rathaus © Michael Weber

 

Premierenabend

Die Figurentheatertage in Göttingen finden 2016 bereits zum 31. Mal statt. Eine Besonderheit dieser traditionsreichen Veranstaltung ist es, dass es neben den zahlreichen Aufführungen für Kinder vor allem an den Wochenenden auch Aufführungen für Erwachsene gibt. Organisiert wird die Veranstaltung vom Fachdienst Kultur der Stadt Göttingen. Christiane Mielke hat im Jahr 2009 die Federführung übernommen und hält seitdem alle Fäden fest in der Hand. Sie hat mich eingeladen bei der ersten Aufführung im Rahmen der 31. Figurentheatertage dabei zu sein und so treffe ich sie eine halbe Stunde vor Beginn im Alten Rathaus. Die ersten Besucher haben bereits Platz genommen und ich schaue in erwartungsfrohe Gesichter. Christiane Mielke begrüßt mich freundlich und erzählt mir, dass alles mit ein paar Aufführungen an einem einzigen Wochenende begann. Im Jahr 2016 erstreckt sich das Festival nun bereits auf 16 Tage, an denen insgesamt 38 Aufführungen von 17 renommierten Bühnen aus Deutschland und dem Ausland inszeniert werden. Des Weiteren erfahre ich, dass die Veranstaltungen im Schnitt zu 95% ausgelastet und das unter den jährlich über 5.000 Zuschauern auch einige mit weiten Anreisen aus ganz Deutschland zu finden sind. Eine feste Fan-Base haben sich die Figurentheatertage damit also bereits erspielt.

Frau Katze und Frau Kuh sind sich noch nicht ganz einig © Theater auf der Zitadelle

Frau Katze und Frau Kuh sind sich noch nicht ganz einig © Theater auf der Zitadelle

Die Berliner Stadtmusikanten

Die Spielzeit im Jahr 2016 wird eröffnet vom „Theater auf der Zitadelle“ aus Berlin. Dementsprechend stehen auf der Bühne auch nicht die Bremer Stadtmusikanten im Mittelpunkt des Geschehens, sondern die Berliner Stadtmusikanten. Die Mitglieder des Ensembles haben das Stück natürlich angelehnt an das berühmte Märchen der Brüder Grimm, dann aber doch etwas ganz eigenständiges daraus gemacht. In den nächsten 80 Minuten begleite ich eine alte Kuh, einen alten Wolf, eine alte Katze und einen alten Spatz auf ihrer Flucht aus dem Seniorenheim in der Uckermark nach Berlin. denn für alle ist die so nahe und doch so ferne Großstadt ein Sehnsuchtsort. Auf der Reise wird gezankt, versöhnt, getanzt und gesungen, es gibt nachdenkliche und traurige Momente und es wird viel gelacht, sehr viel sogar. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass das Figurentheater in fremde Welten entführt und trotzdem zeitgleich unsere Realität spiegelt. Heute Abend scheint mir das in sehr unterhaltsamer Weise absolut gelungen zu sein. Und ich bin anscheinend nicht der einzige, der das denkt, denn es gibt tosenden Applaus und noch eine Gesangszugabe von Katze und Kuh.

Puppenspieler Daniel mit einem Mitglied der Berliner Stadtmusikanten © Keno

Puppenspieler Daniel mit einem Mitglied der Berliner Stadtmusikanten © Keno

Ein Blick hinter die Kulissen

Im Anschluss an die Aufführung darf ich noch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Und so lerne ich Familie Wagner kennen, die mich mit ihren Puppen heute Abend so toll unterhalten hat. Ich merke ihnen schnell an mit wie viel Herz und Leidenschaft sie dabei sind. Aber das alleine reicht nicht aus, denn dem so locker aussehenden Spiel liegt viel, viel Arbeit zugrunde. Und eine gute Ausbildung, die alle an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ in Berlin absolviert haben. Regina Wagner und ihr Sohn Daniel erzählen mir, dass man nicht wirklich genau sagen kann wie lange sie für die Entwicklung eines neuen Stückes benötigen. Manchmal kann es sehr schnell gehen und manchmal entwickelt sich eine Idee erst über Jahre. Wenn das Stück aber geschrieben ist, dann geht es sehr schnell. Vom Anfang der Proben bis zur ersten Aufführung vergehen in der Regel nicht mehr als sechs Wochen.

Familie Wagner - Puppenspieler mit Herz und viel Berliner Humor © Keno

Familie Wagner – Puppenspieler mit Herz und viel Berliner Humor © Keno

Ein Lob ans Publikum

Da ich weiß, dass das Theater auf der Zitadelle in den vergangenen Jahren bereits einige Mal zu Gast war, frage ich Ralf Wagner, ob es etwas Besonderes gibt, das er ganz speziell mit den Göttinger Figurentheatertagen verbindet. Ohne lange zu überlegen, antwortet er mir, dass das Publikum in Göttingen besonders aufmerksam sei und auch die versteckten und feinen Nuancen einer Aufführung wahrnimmt und versteht. Ein großes Lob ans Publikum also. Und wie ich kurze Zeit später feststelle, gibt es sogar bereits persönliche Beziehungen zum Göttinger Publikum. Denn während Ehefrau und Sohn die ersten Requisiten einpacken, erhält Ralf Wagner von einem Besucher der Veranstaltung im Zuschauerraum eine sehr fachmännisch aussehende Behandlung zur Linderung seiner Verspannungen in der Schulter. Am Ende verabschieden sich beide mit einem fröhlichen „bis zum nächsten Mal“.

Ein besonderer Tipp für Kurzentschlossene

Für mich ist „das nächste Mal“ nicht weit entfernt. Die Göttinger Figurentheatertage gehen noch bis zum 21. Februar (Termin 2017: 11.-27. Februar) und ich werde am letzten Wochenende dieses Festivals mir die Aufführung „Der wunderbare Massenselbstmord“ nach dem Roman des Finnen Arto Paasilinna anschauen. Ich bin bereits sehr gespannt, was mich erwartet. Christiane Mielke verrät mir zum Schluss, dass es zu jeder Veranstaltung noch Restkarten an der Abendkasse gibt. Wer spontan ist und rechtzeitig vorbeischaut, hat also auch bei bereits ausverkauften Veranstaltungen immer noch die Möglichkeit dabei zu sein.

Mehr Informationen zu den Göttinger Figurentheatertagen findet Ihr auf www.figurentheatertage.goettingen.de. Kartenwünsche können unter 0551/49980-31 angefragt werden.

Das „Theater auf der Zitadelle“ hat übrigens einen KatzeKuh-Youtube-Kanal. Schaut doch mal rein.

 

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