Insider-Tipps für Reisen und Ausflüge in Niedersachsen

Der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum und wie man als Kuratorin das Museum erlebt

Autor: Anne Sibylle Schwetter

Unsere Gastautorin: Anne Sibylle Schwetter ist seit über 10 Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin am Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück und somit echte Insiderin. Sie hat u.a. das Werkverzeichnis von Nussbaum aufgearbeitet – eines der ersten digitalen Werkverzeichnisse online.  Heute zeigt sie uns das Haus und  ihre Lieblingsbilder.

Foto (c) Rony Boonen

Foto (c) Rony Boonen

Ich bin durch und durch Kunsthistorikerin. Seit 1999 führe ich durch die Sammlung des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum, damals als Studentin der Kunstgeschichte in Osnabrück. Zu meinen Aufgaben heute gehören neben der Betreuung der Sammlung Felix Nussbaum auch die Ausrichtung der ständigen Sammlungspräsentation und die kuratorische Mitarbeit bei wechselnden Ausstellungen wie „Leben ist Glühn. Der Expressionist Fritz Ascher“ (ab 25.09.2016) sowie „Danse Macabre“ eine Ausstellung zum Thema Tanz und Tod in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts (ab 12.02.2017).

Der erste Eindruck: Ein Weg um das Haus
Vor einem ersten Gang durch das Museum empfehle ich den Weg um das Felix-Nussbaum-Haus herum, das von dem bekannten Architekten Daniel Libeskind entworfen wurde. Die Architektur ist komplex und auch ich entdecke immer wieder Überraschungen, wenn ich um das Haus herum gehe. Von einem Standpunkt aus zeigt sich eine Betonfassade als geschlossene Sichtbetonwand. Sie ist Bestandteil des Nussbaum-Ganges. Wenn man um das Haus wandert, erkennt man einige weitere Besonderheiten: Zwei Baukörper, einer in Holzverkleidung, der andere mit Zink ummantelt, sind mit dem Betonbau verbunden.

Eingang des Felix-Nussbaum-Haus, Foto (c) Lukas Spörl

Eingang des Felix-Nussbaum-Haus, Foto (c) Lukas Spörl

Die Architektur lädt zur Reflexion ein
Mit dieser überraschenden und ästhetischen Architektur wollte der Architekt das Leben und das Werk von Felix Nussbaum verräumlichen. Das Leben und Werk, das durch die Geschichte Nussbaums geprägt ist: Von der wohlbehüteten Kindheit in Osnabrück und den Jahren der künstlerischen Karriere im Berlin der 1920er Jahre bis zu den bedrohlichen Entwicklungen des politischen Wechsels in Deutschland und dem Ausbruch des Krieges auch in Europa. Felix Nussbaums Leben wurde zunehmend durch Verfolgung und Todesbedrohung geprägt. Für mich spiegelt die Architektur des Felix-Nussbaum-Hauses genau diesen Kontrast wider und lädt zur Reflexion darüber ein.

Luftaufnahme des Museums, Foto (c) Gert Westdörp

Luftaufnahme des Museums, Foto (c) Gert Westdörp

Einer meiner Lieblingsorte im Museum
Der befindet sich im Großen Saal des Museums. Es ist der Blick in den spitz zulaufenden Winkel, der sich durch den Einschub eines Betonkeils in den Ausstellungsraum ergibt. Am Ende der spitz zulaufenden Ecke dringt Licht in den Saal. Der Fensterschlitz ist kein normales Fenster: Schmal und langgezogen, zudem schräg von oben nach unten verlaufend, ist er mehr ein Gestaltungselement der Architektur. All dies soll anregen, über die Lebenserfahrungen des Künstlers Felix Nussbaum zu reflektieren, der ab 1935 in Belgien als Flüchtling und Emigrant Fuß zu fassen versuchte.

Großer Saal im Libeskind Bau, Foto (c) Christian Grovermann

Großer Saal im Libeskind Bau, Foto (c) Christian Grovermann

Faszinierende Bilder
Ein besonderes Bild für mich ist darum „Der Sturm“ (WV Nr. 407). Ein Bild, das Nussbaum 1941 malte. Es zeigt eine Gruppe von Vertriebenen in einer bedrohlichen Landschaft. Die Menschen stehen eng zusammen, über ihnen ein Gewitterhimmel, um sie herum tote, entlaubte Bäume, an einem hängt ein Strick, vor ihnen ein entwurzelter Baumstumpf. Dieses Bild zeigt Menschen, die sich durch unterschiedliche Gesten und Mimiken auszeichnen: Angst, Schrecken, Verzweiflung, Ohnmacht – aber auch gegenseitige, menschliche Anteilnahme. Eine junge Frau hat ihr Hemd ausgezogen, eine ältere Frau trocknet damit ihre Tränen. Nussbaum zeigt Menschen auf der Flucht ohne Heimat und ohne Zufluchtsort.
Die weinende Frau
Mit diesem Gemälde ist ein zweites Bild verknüpft, welches mit zu den schönsten Werken gehört, die ich von Nussbaum kenne: „Weinende Frau“ (WV Nr. 411) aus dem Jahr 1941. Das Porträt zeigt die Weinende als Einzelfigur, die in dunklen Tönen vor einem fast schwarzen Hintergrund gemalt wurde. Einzig das helle Gesicht und die übergroße Hand heben sich vor dem dunklen Hintergrund ab. Die geschlossenen Augen und die zarte Berührung des Tuches vermitteln einen Moment tiefer Trauer und stiller Klage. Ein Detail sticht heraus, das dem Bild eine weitergehende Dimension verleiht: Eine Kette aus Stacheldraht ist eng um den Hals der Frau geschlungen. Nussbaum, der zwischen Mai und August 1940 in dem Lager St. Cyprien in Südfrankreich inhaftiert war, nutzt in seinen Bildern nach dieser Zeit den Stacheldraht immer wieder als Symbol der Gefangenschaft. Die weinende Frau wird zu einer Allegorie von Leid und Schmerz – eine Erfahrung, unter der all jene Menschen physisch wie psychisch leiden, die Gefangenschaft und Entrechtung ausgesetzt sind. Nussbaums Bilder, und im Besonderen das Porträt der „Weinenden Frau“ sind von tiefer Empathie für das Leid der Menschen gekennzeichnet. In einer Zeit heute, in der Millionen Menschen auf der Flucht sind und Zuflucht in Europa suchen, sind Nussbaums Bilder als Mahnung an die Menschlichkeit aktuell und bedeutsam.
Ein Stilleben
Ganz im Gegensatz zu diesen Bildern, gibt es ein kleines, freundliches, inhaltlich eher unbedeutendes Bild, das ich besonders mag: „Blumen in Milchkanne“ (WV Nr. 65). In heiteren, freundlichen Farben zeigt das Stillleben eine einfache Emailkanne. Nussbaum konnte die Gebrauchsspuren des Gegenstandes malerisch festhalten. Zartrosafarbene Tulpen und andere Blumen, wie Sonnenhut in Gelb und Blau, sind zusammengesteckt. In dem Gemälde wird aber auch eine Eigenheit des Künstlers sichtbar: Im Unterschied zur malerisch genauen Darstellungsweise des Vasenarrangements scheint Nussbaum den Untergrund offensichtlich zu vernachlässigen: Das blaue Karomuster der gelben Tischdecke zeichnet Nussbaum in groben Pinselstrichen: immer wieder hat der den Pinsel abgesetzt und mit neuer Farbe getunkt, neu im Linienverlauf angesetzt. Diese Malweise, die auch als kindlich-naiv bezeichnet wird, findet man in Nussbaums Bildern immer wieder. Sie macht den besonderen Reiz seiner frühen Bilder aus.

„Gang der ungemalten Bilder" im Museum, Foto (c) Lukas Spörl

„Gang der ungemalten Bilder“ im Museum, Foto (c) Lukas Spörl

Das Felix-Nussbaum-Haus besitzt die weltweit größte Sammlung des 1904 in Osnabrück geborenen und 1944 in Ausschwitz ermordeten Malers Felix Nussbaum. Sein Werk vermittelt einen Einblick in die Ängste und Hoffnungen der ins Exil getriebenen deutschen Juden aus der Sicht Felix Nussbaums und zeigt gleichzeitig seinen Rang als bedeutender Künstler der Moderne. Entworfen wurde das Felix Nussbaum Haus vom amerikanischen Star-Architekten Daniel Libeskind (Eröffnung 1998). Mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.